
Die meisten Menschen, die ihr fotografieren werdet, sind keine Modelle. Sie wissen nicht, wohin mit den Händen, sie lächeln zu breit oder gar nicht, und nach dreißig Sekunden fragen sie, ob es bald fertig ist.
Deshalb fange ich hier nicht mit der Technik an. Die Technik ist in zehn Minuten erklärt. Der Rest ist der eigentliche Beruf.
Die Technik in zehn Minuten
Brennweite: 70 bis 105 mm am Kleinbild. Dort bekommt ihr ein Gesicht formatfüllend ohne Verzerrung und seid noch nah genug, um zu sprechen. Kürzer verzerrt, weil ihr näher heranmüsst – mehr dazu unter Brennweite.
Blende: ƒ/2 bis ƒ/4 für eine Person. Bei ƒ/1.4 ist bei zwei Metern oft nur ein Auge scharf, und das ist selten gewollt. Bei zwei Personen ƒ/4 bis ƒ/5.6, sonst steht eine davon im Unscharfen.
Fokus: auf das Auge, das näher zur Kamera ist. Immer. Wenn eure Kamera Augenerkennung hat, schaltet sie ein – sie ist besser als ihr.
Licht: seitlich, weich, aus einer Quelle. Ein Fenster genügt. Siehe natürliches Licht.
Das war es. Alles Weitere ist Feinschliff.
Was wirklich schwer ist
Ein Portrait misslingt selten an der Blende. Es misslingt daran, dass die Person auf dem Bild aussieht wie jemand, der gerade fotografiert wird.
Redet. Die erste Regel. Wer schweigend hinter der Kamera steht und alle zehn Sekunden auslöst, bekommt zehn Bilder von einem verunsicherten Menschen. Fragt etwas, das eine echte Antwort braucht. Und fotografiert währenddessen.
Gebt eine Aufgabe, keine Pose. „Schau mal da hinten, wo der rote Bus steht“ funktioniert. „Schau natürlich“ funktioniert nie. Wer etwas zu tun hat, hört auf, an seine Haltung zu denken.
Die ersten fünf Minuten sind Aufwärmen. Die Bilder daraus werden meistens nichts, und das ist in Ordnung. Fotografiert sie trotzdem – Menschen entspannen sich schneller, wenn die Kamera schon läuft, als wenn sie wartend danebensteht.
Zeigt nicht sofort das Display. Wer sich nach jedem Bild ansieht, wird selbstkritisch und verkrampft. Zeigt eines, wenn es gut ist – das gibt Sicherheit für die nächsten zwanzig.
Hände und Haltung
Die häufigste Frage einer Person vor der Kamera ist: „Wohin mit den Händen?“
Antworten, die funktionieren:
- etwas halten – eine Tasse, eine Tasche, einen Ast
- eine Hand in die Jackentasche, Daumen draußen
- sich anlehnen, dann klärt sich die Haltung von selbst
- die eigene Hand berühren, den Ärmel, die Halskette
Und ein Griff für den Körper: nie frontal. Schultern leicht schräg, Gewicht auf einem Bein. Frontal wirkt jeder Mensch breiter und steifer, als er ist.
Das Kinn ein wenig nach vorne und leicht nach unten – das ist unbequem und sieht auf dem Bild besser aus. Wer das erklärt, statt es nur anzusagen, bekommt bessere Ergebnisse.
Der Hintergrund
Ein Portrait besteht aus zwei Entscheidungen: der Person und dem, was hinter ihr ist.
Zwei Sekunden hinschauen, bevor ihr auslöst. Der Laternenmast, der aus dem Kopf wächst, ist der häufigste vermeidbare Fehler der ganzen Fotografie.
Wenn der Hintergrund unruhig ist, habt ihr drei Hebel: offenere Blende, längere Brennweite, oder die Person weiter weg vom Hintergrund holen. Der dritte ist kostenlos und wirkt am stärksten – siehe Schärfentiefe.
Bildausschnitt
Es gibt drei brauchbare Zuschnitte, und es lohnt sich, sie bewusst zu wählen:
- Kopf und Schultern – die Person, sonst nichts. Am intimsten.
- Hüfte aufwärts – Haltung und Hände kommen dazu, Umgebung deutet sich an.
- Ganzkörper – die Person im Raum. Braucht einen Hintergrund, der etwas beiträgt.
Was ihr vermeiden solltet: an Gelenken schneiden. Ein Bild, das genau am Handgelenk oder am Knie endet, wirkt amputiert. Schneidet dazwischen – mitten am Oberschenkel, mitten am Unterarm.
Und lasst Platz in Blickrichtung. Wer nach rechts schaut, braucht rechts Raum.
Rechtliches in einem Absatz
Ein Portrait zu machen ist das eine, es zu veröffentlichen das andere. Für die Veröffentlichung – auch auf Instagram, auch auf der eigenen Website – braucht ihr in aller Regel eine Einwilligung. Bei einem privaten Bild von einem Freund genügt die mündliche; sobald es geschäftlich wird, gehört sie schriftlich festgehalten.
Mehr dazu unter Recht am eigenen Bild und Model Release.
Übung
Sucht euch eine Person, die ihr gut kennt, und ein Fenster.
Macht dreißig Bilder in zwanzig Minuten – und redet dabei die ganze Zeit. Stellt Fragen, die keine Ja-Nein-Antwort haben.
Zu Hause sortiert ihr aus. Ihr werdet feststellen, dass die besten Bilder fast nie die sind, bei denen die Person „posiert“ hat, sondern die dazwischen: beim Antworten, beim Nachdenken, beim Lachen über etwas, das gerade gesagt wurde.
Genau diese Bilder sind das Ziel. Alles davor ist nur die Vorbereitung darauf, dass sie passieren können.

Seit über fünfzehn Jahren Hochzeiten und Reportagen in Franken, deutschlandweit unterwegs. Die Bilder in diesem Blog sind meine eigenen – aus Aufträgen und von unterwegs, mit den Aufnahmedaten darunter.
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