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Licht & Blitz

Mit natürlichem Licht arbeiten – Fenster, Schatten, Wolken

Die beste Lichtquelle ist umsonst, steht schon da und funktioniert ohne Kabel. Man muss nur wissen, wo man sich hinstellt.

Einstieg4 Min.·Vitali Skidan·
Ein Trausaal mit großen Fenstern, kein Blitz. Das Licht kommt von der Seite und zeichnet die Gesichter.
ƒ/1.8 · 1/250 s · ISO 1250 · 85 mmEin Trausaal mit großen Fenstern, kein Blitz. Das Licht kommt von der Seite und zeichnet die Gesichter.

Ich fotografiere den größten Teil einer Hochzeit ohne Blitz. Nicht aus Prinzip, sondern weil das vorhandene Licht in den meisten Situationen besser aussieht – wenn man sich die Mühe macht, es zu suchen.

Natürliches Licht kostet nichts, ist immer da und verrät sich nicht auf dem Bild. Der einzige Preis: Man kann es nicht anschalten, sondern muss sich danach richten.

Das Nordfenster

Der zuverlässigste Ort für ein Portrait in einer Wohnung ist ein Fenster, in das keine direkte Sonne fällt. In Deutschland ist das meistens ein Fenster nach Norden – daher der Name, den Maler seit Jahrhunderten benutzen.

Warum es funktioniert: Das Fenster ist groß, das Motiv steht nah dran. Damit ist die Lichtquelle im Verhältnis riesig, und die Schatten werden weich. Es kommt aus einer Richtung, also zeichnet es Form.

Die Anwendung ist simpel:

  1. Person seitlich zum Fenster, etwa einen Meter davor.
  2. Alle anderen Lichter im Raum ausschalten. Wirklich alle – sonst habt ihr Mischlicht und keine Farbe stimmt.
  3. Auf das Gesicht messen, nicht aufs Fenster.

Wenn die Schattenseite zu dunkel wird, stellt etwas Helles gegenüber: eine weiße Wand, ein Bettlaken, ein Stück Karton. Das ist ein Reflektor, und er kostet nichts.

Bedeckter Himmel ist kein schlechtes Wetter

Viele halten Wolken für ein Problem. Für Portraits sind sie das Gegenteil: Ein bedeckter Himmel ist die größte Softbox der Welt.

Das Licht kommt dann aber von oben, und das ist die Richtung, in der Augen in Schatten verschwinden. Der Griff dagegen: einen Meter unter etwas stellen, das nach oben abschirmt. Ein Baum, ein Vordach, ein Balkon. Damit kommt das Licht plötzlich von der Seite statt von oben, und das Gesicht wird plastisch.

Fotografen nennen das den Schattenrand – die Kante des Schattens, direkt davor steht man richtig.

Die Mittagssonne ist das Problem

Prall in die Sonne ist die schlechteste aller Situationen: hart, von oben, kontrastreich. Genau die Zeit, zu der die meisten Menschen fotografieren.

Drei Auswege, in dieser Reihenfolge:

In den Schatten gehen. Nicht in Flecken unter einem Baum – dann liegen Sonnenflecken im Gesicht. Sondern in einen ganzflächigen Schatten: die Schattenseite eines Hauses, ein Torbogen, eine Unterführung.

Gegen die Sonne drehen. Die Person mit dem Rücken zur Sonne, sodass sie Konturlicht im Haar bekommt. Dann auf das Gesicht messen und in Kauf nehmen, dass der Hintergrund heller wird – oder mit dem Aufhellblitz arbeiten.

Warten. Wenn es die Situation erlaubt, ist das die beste Lösung. Zwei Stunden später ist alles anders.

Kurz gefasst Sucht die Kante: die Kante eines Fensters, die Kante eines Schattens, die Kante eines Vordachs. Dort steht das Licht seitlich statt frontal oder von oben – und genau dort werden Gesichter plastisch.

Reflektoren aus dem, was da ist

Ein professioneller Reflektor ist ein Stück Stoff auf einem Ring. Wirksam, aber selten zur Hand.

Was genauso funktioniert:

  • eine weiße Hauswand gegenüber
  • heller Sand, Kies oder Schnee
  • ein Tisch mit heller Platte
  • die Rückseite eines Kalenders
  • ein weißes Hemd, wenn jemand nah genug dabeisteht

Der Effekt ist immer derselbe: Die Schattenseite bekommt Zeichnung, ohne dass neues Licht dazukommt. Und weil das Licht aus derselben Quelle stammt, stimmt die Farbe automatisch.

Vorsicht bei farbigen Flächen: Eine rote Hauswand macht ein rotes Gesicht. Das sieht man erst zu Hause.

Innenräume ohne Fenster

Wenn nur Kunstlicht da ist, wird es unangenehm. Deckenlampen leuchten von oben, sind meist schwach und haben eine Farbe, die kaum jemand mag.

Was hilft:

  • Näher an die stärkste Quelle. Doppelter Abstand heißt ein Viertel Licht – einen Schritt näher bringt oft mehr als eine Blendenstufe.
  • Alles ausschalten, was nicht passt. Lieber eine Quelle als drei mit verschiedenen Farben.
  • Weißabgleich fest setzen, nicht auf Automatik.
  • ISO hochziehen und akzeptieren. Ein rauschendes, scharfes Bild ist besser als ein sauberes, verwackeltes.

Und wenn das alles nicht reicht, ist der Punkt erreicht, an dem ein entfesselter Blitz die Situation rettet.

Übung

Sucht euch ein einziges Fenster und eine geduldige Person.

Macht sechs Bilder: Person seitlich zum Fenster, frontal, mit dem Rücken zum Fenster – jeweils einmal einen Meter davor und einmal vier Meter davor.

Sechs Bilder, eine Lichtquelle, kein Zubehör. Ihr werdet sehen, dass zwischen dem besten und dem schlechtesten Welten liegen – und dass der Unterschied allein in zwei Schritten und einer Drehung bestand.

Vitali Skidan – Hochzeitsfotograf aus Bamberg

Seit über fünfzehn Jahren Hochzeiten und Reportagen in Franken, deutschlandweit unterwegs. Die Bilder in diesem Blog sind meine eigenen – aus Aufträgen und von unterwegs, mit den Aufnahmedaten darunter.

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