
Auf jedem Objektiv steht eine Zahl in Millimetern. Bei einer Festbrennweite eine einzelne, etwa 50 mm. Bei einem Zoom zwei, etwa 24–70 mm – dann sind durch Drehen des Zoomrings alle Werte dazwischen einstellbar.
Was diese Zahl bedeutet, wird meistens mit „näher heranholen“ erklärt. Das ist nicht falsch, aber es verdeckt das Wichtigere: Die Brennweite bestimmt den Bildwinkel, also wie viel von der Welt aufs Bild passt.
| Brennweite | 20 mm | 35 mm | 50 mm | 100 mm | 200 mm |
|---|---|---|---|---|---|
| Bildwinkel | 94,5° | 63,4° | 46,8° | 24,4° | 12,3° |
| Wirkung | Weitwinkel | Weitwinkel | Normal | Portrait | Tele |
Die drei Bereiche
Weitwinkel liegt unter 30 mm. Der Bildwinkel wird groß: Dinge in der Ferne werden klein, Dinge im Vordergrund groß. Man bekommt viel Umgebung mit. Interessant bei Gruppenbildern oder bei Festen in Räumen, in denen wenig Platz ist. Unabdingbar bei Architektur und Landschaft. Aber auch bei Menschen hat ein Weitwinkel eine eigene Wirkung – man ist mitten drin statt daneben.
Normalbrennweite ist alles über 30 und unter 70 mm. Diese Brennweiten liegen ungefähr auf unserem Blickwinkel, und dieser Bereich wirkt für das menschliche Auge am natürlichsten, weil die Verzerrungen sehr gering sind.
Warum ein so breiter Bereich als „normal“ gilt, hat einen hübschen Grund: Es kommt darauf an, worauf man sich konzentriert. Peripher sehen wir etwa wie ein 20-mm-Weitwinkel. Wenn wir dagegen etwas bewusst fokussieren, nehmen wir weniger von der Umgebung wahr – das entspricht eher 43 mm. Je nachdem, worauf ihr achtet, seht ihr also irgendwo zwischen 30 und 70 mm.
Portrait und Tele beginnt bei 70 mm. Zwischen 70 und 105 mm liegt der klassische Portraitbereich: Dort bekommt man ein Gesicht formatfüllend aufs Bild, ohne merkliche Verzerrung, mit deutlicher Freistellung – und ist dabei noch nah genug, um mit der Person zu sprechen. Das ist kein Nebeneffekt, sondern der halbe Grund für diesen Bereich.
Alles darüber heißt Tele und ist vor allem für Sport- und Tierfotografen interessant.
Kurz gefasst Kurze Brennweite: viel Umgebung, Vordergrund wirkt groß, alles wirkt weiter auseinander. Lange Brennweite: wenig Umgebung, Ebenen rücken zusammen, stärkere Freistellung.
Warum Portraits bei 24 mm schlecht aussehen
Der häufigste Fehler beim Fotografieren mit dem Weitwinkel ist ein Portrait. Was dabei passiert, ist keine Verzerrung des Objektivs, sondern eine Folge des Abstands: Um ein Gesicht formatfüllend zu bekommen, müsst ihr sehr nah heran. Und aus dreißig Zentimetern ist die Nase deutlich näher an der Kamera als die Ohren – im Verhältnis viel deutlicher als aus zwei Metern.
Deshalb wirkt die Nase groß und die Ohren klein. Dasselbe Gesicht mit 105 mm aus zwei Metern hat dieses Problem nicht.
Der Unterschied liegt also nicht im Glas, sondern im Standpunkt. Aber weil die Brennweite den Standpunkt erzwingt, ist die Wirkung dieselbe.
Zwei Bilder, eine Minute auseinander
Beide Aufnahmen zeigen denselben Menschen vor derselben Wand, bei derselben Blende ƒ/1.8, eine Minute auseinander. Verändert wurde nur die Brennweite – und der Standpunkt, den sie erzwingt.

Das Bild am Anfang dieses Artikels ist die Gegenprobe bei 85 mm. Dort füllt die Person den Rahmen, und die Wand hinter ihr rückt heran und wird zur Fläche.
Beide Bilder sind bei ƒ/1.8 entstanden. Was sich unterscheidet, ist nicht die Blende, sondern was die Brennweite mit dem Abstand und damit mit dem Hintergrund macht.
Was die Brennweite noch beeinflusst
Neben Bildwinkel und Verzerrung wirkt sie auf zwei weitere Dinge:
Die Schärfentiefe. Je länger die Brennweite, desto schmaler die Schärfeebene bei gleicher Blende. Mehr dazu unter Schärfentiefe steuern.
Die kürzeste Zeit aus der Hand. Die Faustregel lautet: mindestens der Kehrwert der Brennweite. Bei 200 mm also 1/200 s. Lange Brennweiten vergrößern jedes Zittern mit.
Fest oder variabel
Ein Zoom ist bequem. Der Haken: Eine hohe Lichtstärke ist über den ganzen Bereich nur beschränkt möglich und kostet viel Geld. Ein 24–70 mm mit durchgehend ƒ/2.8 liegt selbst von einem Fremdhersteller bei 800 Euro aufwärts. Eine 35-mm-Festbrennweite erreicht dagegen schnell ƒ/1.8 – fast eine ganze Blendenstufe mehr – und kostet einen Bruchteil.
Steht auf einem Zoom ein Bereich wie ƒ/3.5–5.6, heißt das: Bei der kürzesten Brennweite bekommt ihr ƒ/3.5, bei der längsten nur noch ƒ/5.6. Je weiter ihr zoomt, desto lichtschwächer wird das Objektiv.
Übung
Sucht euch eine Person und einen Ort mit Hintergrund, der weit genug entfernt ist. Macht drei Bilder, auf denen die Person jeweils gleich groß im Bild steht: einmal mit kurzer Brennweite von nah, einmal mit mittlerer, einmal mit langer von weit weg.
Die Person sieht auf allen drei Bildern etwa gleich groß aus. Der Hintergrund nicht. Genau darum geht es.

Seit über fünfzehn Jahren Hochzeiten und Reportagen in Franken, deutschlandweit unterwegs. Die Bilder in diesem Blog sind meine eigenen – aus Aufträgen und von unterwegs, mit den Aufnahmedaten darunter.
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