
Die Schärfentiefe ist der Bereich im Foto, der scharf dargestellt wird – nicht als Ebene, sondern als Zone, die sich vor und hinter dem Fokuspunkt erstreckt. Sie ist das Werkzeug, mit dem man ein Motiv vom Hintergrund freistellt.
Die meisten lernen zuerst: kleine Blendenzahl gleich wenig Schärfentiefe. Das stimmt, ist aber nur ein Viertel der Wahrheit.
Erstens: die Blende
Die Ausgangslage – ein 50-mm-Objektiv, Fokus auf drei Meter:
Dieselbe Aufnahme, nur die Blende geschlossen:
Aus einem knappen halben Meter werden mehrere. Der Balken zeigt, welcher Bereich scharf wird; die gestrichelte Linie ist der Punkt, auf den fokussiert wurde.
Zwei Dinge fallen auf. Erstens ist der scharfe Bereich nicht symmetrisch – hinter dem Fokuspunkt liegt mehr davon als davor, ungefähr im Verhältnis zwei zu eins. Fokussiert bei einer Gruppe also nicht auf die vorderste Person, sondern etwa auf das erste Drittel.
Zweitens: Bei ƒ/22 reicht die Schärfe bis ins Unendliche. Ab einem bestimmten Punkt – der hyperfokalen Distanz – ist einfach alles ab dort scharf.
Zweitens: der Abstand zum Motiv
Jetzt wird an der Kamera nichts verändert. Wir gehen nur näher heran.
Bei einem Meter Abstand bleiben wenige Zentimeter. Bei acht Metern dagegen:
Je näher man am Motiv ist, desto kleiner wird die Schärfentiefe. Das ist der Grund, warum bei Makroaufnahmen kaum etwas scharf zu bekommen ist – und warum bei Landschaftsaufnahmen, wo man auf einen weit entfernten Punkt fokussiert, meist von vorne bis hinten alles scharf ist, sogar bei offener Blende.
Drittens: die Brennweite
Gleiche Blende, gleicher Abstand – nur gezoomt.
Je mehr ihr zoomt, desto kleiner wird die Schärfeebene. Deshalb greifen Portraitfotografen zu längeren Brennweiten: nicht nur wegen der Perspektive, sondern weil dieselbe Blende dort viel stärker freistellt.
Viertens: die Sensorgröße
Diesen Punkt könnt ihr beim Fotografieren nicht beeinflussen – er steckt in der Kamera. Je kleiner der verbaute Sensor, desto geringer fällt der Effekt aus.
Hier muss man aufpassen, welche zwei Bilder man vergleicht – sonst kommt das Gegenteil heraus.
Falsch verglichen wäre: dasselbe 50-mm-Objektiv an beiden Kameras. Dann hätte der kleinere Sensor sogar etwas weniger Schärfentiefe, weil an ihn ein strengerer Maßstab angelegt wird, was noch als scharf durchgeht. Nur macht dieser Vergleich keinen Sinn: Ihr bekämt zwei völlig verschiedene Bildausschnitte.
Richtig verglichen wird bei gleichem Ausschnitt. Und dafür braucht der kleinere Sensor eine kürzere Brennweite – an Micro Four Thirds 25 mm für das, was am Vollformat 50 mm zeigen:
Jetzt stimmt die bekannte Regel: Bei gleichem Bildausschnitt liefert der kleinere Sensor mehr Schärfentiefe. Der Effekt kommt allerdings nicht vom Sensor selbst, sondern von der kürzeren Brennweite, die er verlangt – es ist also Punkt drei von oben in anderer Verkleidung.
Das ist der Grund, warum manche kleinen Kompaktkameras immer noch ein von vorne bis hinten scharfes Bild zeigen, während eine Vollformatkamera einen Schärfeverlauf darstellt. Und leider auch der Grund, warum die Kameras proportional zur Sensorgröße teurer werden.
Kurz gefasst Weniger Schärfentiefe bekommt ihr durch: offenere Blende, näher herangehen, länger zoomen – und bei gleichem Bildausschnitt durch einen größeren Sensor. Mehr Schärfentiefe entsprechend andersherum. Die ersten drei habt ihr in der Hand, den vierten habt ihr beim Kamerakauf entschieden.
Was das in der Praxis heißt
Wer freistellen will und kein lichtstarkes Objektiv hat, hat trotzdem zwei Hebel: näher rangehen und den Hintergrund weiter weg holen. Ein Portrait vor einer Wand in zwei Metern Entfernung wird auch bei ƒ/1.4 keinen schönen Verlauf zeigen. Dieselbe Person auf einer Wiese, mit dem nächsten Baum in dreißig Metern, funktioniert schon bei ƒ/4.
Umgekehrt: Wer eine Gruppe von zwanzig Leuten scharf braucht, geht weiter weg, nimmt eine kürzere Brennweite und schließt die Blende – alle drei Hebel in dieselbe Richtung.
Übung
Wählt M oder A.
Sucht ein Motiv, bei dem ihr viel Schärfentiefe wollt, und macht ein Bild, in dem von vorne bis hinten alles scharf ist. Dann eines, bei dem ihr wenig wollt.
Und danach der eigentliche Test: Nehmt dasselbe Motiv, lasst die Blende unverändert und verändert nur den Abstand. Einmal aus einem Meter, einmal aus fünf. Wenn ihr seht, dass sich die Freistellung ändert, ohne dass ihr die Kamera angefasst habt, sitzt der zweite Punkt.

Seit über fünfzehn Jahren Hochzeiten und Reportagen in Franken, deutschlandweit unterwegs. Die Bilder in diesem Blog sind meine eigenen – aus Aufträgen und von unterwegs, mit den Aufnahmedaten darunter.
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