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Fotografie-Arten

Naturfotografie, ohne die Natur zu stören

Das beste Naturbild ist das, von dem das Tier nichts gemerkt hat. Wie man näher kommt, ohne einzugreifen – und wo die Grenze verläuft.

Einstieg4 Min.·Vitali Skidan·
Zwei Elefanten im hohen Gras, nicht formatfüllend: Das Tier klein im Lebensraum erzählt mehr als der Kopf im Ausschnitt.
ƒ/2 · 1/1250 s · ISO 200 · 50 mm (75 mm KB)Zwei Elefanten im hohen Gras, nicht formatfüllend: Das Tier klein im Lebensraum erzählt mehr als der Kopf im Ausschnitt.

Naturfotografie hat ein Problem, das andere Genres nicht haben: Das Motiv hat kein Interesse an der Aufnahme. Es will fressen, brüten oder in Ruhe gelassen werden – und jede Annäherung kostet es Energie.

Deshalb beginnt dieses Genre nicht mit Technik, sondern mit einer Haltung.

Die Grundregel

Das Wohl des Motivs steht über dem Bild.

Das klingt nach einer Floskel, hat aber sehr konkrete Folgen:

  • Ein Vogel, der von seinem Gelege auffliegt, lässt die Eier auskühlen. Bei kaltem Wetter kann eine Störung von zehn Minuten das Gelege kosten.
  • Ein Reh im Winter, das flüchtet, verbraucht Reserven, die es zum Überleben braucht.
  • Eine ausgetretene Uferzone erholt sich langsamer, als man denkt.

Der Umkehrschluss ist praktisch: Wer sich richtig verhält, bekommt bessere Bilder. Ein Tier, das euch nicht bemerkt hat, verhält sich natürlich. Ein Tier, das euch bemerkt hat, schaut euch nur noch an – und das ist ein Portrait, kein Naturbild.

Kurz gefasst Verändert das Tier sein Verhalten, seid ihr zu nah. Das ist die verlässlichste Abstandsregel, und sie funktioniert bei jeder Art.

Was rechtlich gilt

In Deutschland regelt das Bundesnaturschutzgesetz den Umgang mit wild lebenden Tieren. Für Fotografen sind vor allem drei Punkte wichtig:

Streng geschützte Arten dürfen nicht erheblich gestört werden – besonders nicht in der Fortpflanzungs-, Aufzucht- und Überwinterungszeit. Dazu gehören unter anderem alle heimischen Fledermäuse, Greifvögel, der Eisvogel und viele Amphibien.

In Naturschutzgebieten gilt in aller Regel Wegegebot. Das Verlassen des Weges ist dort keine Grauzone, sondern eine Ordnungswidrigkeit.

Nistplätze sind besonders heikel. Das Fotografieren am Nest ist bei vielen Arten genehmigungspflichtig und ohne Erfahrung ohnehin keine gute Idee.

Für den Umgang mit Betretungsrechten allgemein siehe Fotografieren in der Öffentlichkeit.

Ausrüstung: weniger als gedacht

Die verbreitete Vorstellung ist ein 600er Objektiv für den Preis eines Kleinwagens. Das braucht, wer Vögel im Flug formatfüllend will. Für alles andere reicht deutlich weniger.

Ein Telezoom bis 300 mm deckt Rehe, Füchse, Wasservögel und größere Tiere ab, wenn man Geduld mitbringt. An einer APS-C-Kamera entspricht das 450 mm am Kleinbild.

Ein Weitwinkel ist die unterschätzte Hälfte. Tier oder Pflanze klein im Lebensraum erzählt oft mehr als der Kopf formatfüllend.

Ein Stativ oder Einbeinstativ. Ein 300er stundenlang zu halten ist keine Fotografie, sondern Krafttraining.

Tarnung ist meistens Unsinn und manchmal entscheidend. Für einen Spaziergang genügen gedeckte Farben. Für einen bestimmten Vogel an einer bestimmten Stelle ist ein Tarnzelt der einzige Weg – und dann muss es einen Tag vorher stehen.

Die Technik, kurz

SituationEinstellung
Tier in Bewegung1/1000 s oder kürzer, Nachführ-Autofokus
Tier ruhig, wenig Licht1/500 s, ISO hochziehen statt Zeit verlängern
Vogel im Flug1/2000 s, Zone statt Einzelfeld
Pflanze, DetailStativ, Blende 8, Fernauslöser

Das ISO-Rauschen ist dabei fast nie das Problem. Ein verwackeltes Bild bei ISO 800 ist unbrauchbar, ein scharfes bei ISO 6400 ist ein Bild. Mehr dazu unter ISO richtig einstellen.

Die Zeiten, zu denen es sich lohnt

Tiere sind in der Dämmerung aktiv, und die Dämmerung ist zugleich das beste Licht. Das ist der glückliche Zufall dieses Genres.

Praktisch heißt das: eine Stunde vor Sonnenaufgang draußen sein, nicht bei Sonnenaufgang. Die letzte Stunde vor dem Dunkelwerden ist die zweitbeste. Zwischen zehn und sechzehn Uhr ist wenig zu holen – weder beim Licht noch beim Verhalten.

Mehr zum Licht dieser Stunden unter Goldene Stunde und Blaue Stunde.

Was ein Naturbild besser macht

Auf Augenhöhe. Der wichtigste einzelne Griff. Ein Bild von oben herab auf eine Ente ist eine Ente. Dieselbe Ente vom Wasserspiegel aus ist ein Bild. Das heißt: hinlegen. Mehr unter Perspektive wechseln.

Der Hintergrund. Ein Tier vor einem unruhigen Waldrand verschwindet darin. Zwei Schritte zur Seite, und es steht vor einer ruhigen Fläche. Der Hintergrund entscheidet öfter über das Bild als das Tier.

Etwas passiert. Ein sitzender Vogel ist ein Beleg. Ein fressender, putzender, startender Vogel ist eine Beobachtung.

Raum in Blickrichtung. Ein Tier braucht Platz vor sich, nicht hinter sich.

Der geduldige Weg

Der Unterschied zwischen gelegentlichen und guten Naturbildern ist selten die Ausrüstung. Er ist fast immer die Zeit an einem Ort.

Wer zehnmal an dieselbe Stelle geht, weiß beim zehnten Mal, wo der Eisvogel sitzt, wann die Sonne dorthin fällt und aus welcher Richtung man sich nähern kann, ohne gesehen zu werden. Diese Ortskenntnis ist durch keine Brennweite zu ersetzen.

Übung

Sucht euch eine Stelle in eurer Nähe – einen Teich, einen Waldrand, eine Wiese – und geht sechs Wochen lang einmal pro Woche zur selben Zeit hin.

Fotografiert nicht bei jedem Besuch. Beim ersten und zweiten Mal reicht Hinsehen. Ihr werdet bemerken, dass sich Muster zeigen: Wege, Zeiten, Gewohnheiten.

Danach entstehen die Bilder fast von allein.

Vitali Skidan – Hochzeitsfotograf aus Bamberg

Seit über fünfzehn Jahren Hochzeiten und Reportagen in Franken, deutschlandweit unterwegs. Die Bilder in diesem Blog sind meine eigenen – aus Aufträgen und von unterwegs, mit den Aufnahmedaten darunter.

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