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Licht & Blitz

Die blaue Stunde und was danach kommt

Zwanzig bis vierzig Minuten nach Sonnenuntergang sind Himmel und Kunstlicht gleich hell. Das ist das kurze Fenster, in dem Städte am besten aussehen.

Einstieg4 Min.·Vitali Skidan·

Nach dem Sonnenuntergang packen die meisten ein. Damit verpassen sie das Licht, für das Architektur- und Stadtfotografen überhaupt erst hinausgehen.

Was genau passiert

Wenn die Sonne unter dem Horizont steht, wird die Atmosphäre noch von oben beleuchtet. Die Streuung lässt vor allem kurzwelliges, also blaues Licht übrig – der Himmel wird tiefblau, ohne dunkel zu sein.

Gleichzeitig gehen die Straßenlaternen an. Und für eine Weile sind beide etwa gleich hell.

Das ist der Punkt: Ein Bild ohne extremen Kontrast. Bei Tag sind die Lampen unsichtbar, bei Nacht sind es helle Punkte in schwarzen Flächen. In den zwanzig Minuten dazwischen ergänzen sie sich.

Kurz gefasst Die blaue Stunde ist der einzige Zeitpunkt, an dem Fenster, Laternen und Himmel gleichzeitig gezeichnet sind. Sie dauert in Mitteleuropa im Sommer etwa 40 Minuten, im Winter nur 20.

Wann genau

Es gibt drei Dämmerungsphasen, und der brauchbare Bereich ist der zweite.

0006121824
Tageslichtgoldene Stundeblaue StundeDämmerung, Nacht
Auf und unter 07:02 · 19:16Höchststand 40,7°Gold abends 62 minBlau abends 13 minGold morgens 62 min
Das schmale Band zwischen −4° und −6° ist die blaue Stunde. Auf dem Papier sind das Minuten, nicht eine Stunde – und deshalb steht man vorher da.
PhaseSonnenstandBeschreibung
Bürgerliche Dämmerung0 bis −6 Gradnoch hell, Restlicht am Horizont
Nautische Dämmerung−6 bis −12 Graddie blaue Stunde
Astronomische Dämmerung−12 bis −18 Gradpraktisch Nacht

Die beste Färbung liegt bei etwa −4 bis −8 Grad, also am Übergang. In Mitteleuropa beginnt sie ungefähr 20 bis 25 Minuten nach Sonnenuntergang und dauert je nach Jahreszeit und Breitengrad 20 bis 45 Minuten.

Apps wie PhotoPills, Sun Surveyor oder eine schlichte Sonnenstandstabelle geben die Zeiten für jeden Ort aus.

Und der zweite, oft vergessene Durchgang: morgens, vor Sonnenaufgang, in umgekehrter Reihenfolge. Dieselbe Wirkung, weniger Menschen im Bild.

Die Vorbereitung entscheidet

Das Fenster ist kurz, und in dieser Zeit soll fotografiert werden, nicht gesucht.

  1. Eine Stunde vorher am Ort sein. Standpunkt festlegen, Stativ aufbauen, Ausschnitt bauen.
  2. Bei Tageslicht scharfstellen, dann auf manuell umschalten. Im Dunkeln findet der Autofokus nichts mehr.
  3. Alle fünf Minuten auslösen, sobald es anfängt. Der Moment, in dem die Helligkeit stimmt, lässt sich nicht vorhersehen – man erkennt ihn zu Hause.
  4. Zwei Standpunkte planen, falls einer nicht funktioniert. Umbauen kostet die Hälfte der Zeit.

Die Einstellungen

Wert
ModusM oder A mit Belichtungskorrektur
Blendeƒ/8 bis ƒ/11
ISO100
Zeit1 bis 30 Sekunden, wird über die Phase immer länger
Weißabgleichfest, 3800 bis 4500 K
FormatRAW
Stativja

Der feste Weißabgleich ist wichtig: Die Automatik würde genau das Blau herausrechnen, wegen dem ihr gekommen seid. Mehr dazu unter Weißabgleich.

Bei Blende 11 und einer Lichtquelle im Bild entstehen außerdem die sternförmigen Strahlen an Laternen – ein Nebeneffekt der Blendenlamellen, den man mögen oder vermeiden kann.

Wofür sie besonders taugt

Städte und Architektur. Der Hauptanwendungsfall: beleuchtete Fassaden vor blauem Himmel, ohne dass die Fenster ausbrennen. Mehr unter Architekturfotografie.

Innenräume mit Fenstern. Der einzige Zeitpunkt, an dem Innenraum und Außenwelt gleich hell sind. Für Interieuraufnahmen ist das der professionelle Standard.

Wasser. Lange Zeiten glätten die Oberfläche, und ein spiegelnder Fluss verdoppelt die Lichter. Mehr unter Langzeitbelichtung.

Silhouetten. Ein Baum, ein Turm, eine Brücke vor dem farbigen Himmel. Hier ist kein Stativ nötig, weil man auf den Himmel belichtet.

Was danach kommt

Wenn das Blau in Schwarz übergeht, hört ein Bildtyp auf und ein anderer fängt an.

Nachtfotografie ist etwas anderes, nicht eine Fortsetzung: hohe Kontraste, schwarze Flächen, Kunstlicht als einzige Quelle, Mischlichtprobleme. Mehr unter Nachtfotografie und Mischlicht.

Es lohnt sich trotzdem, zu bleiben. Ein Motiv in beiden Phasen zu haben, kostet zwanzig Minuten und liefert zwei sehr verschiedene Bilder.

Der häufigste Fehler

Zu spät kommen. Wer bei Sonnenuntergang losfährt, steht auf, wenn es vorbei ist.

Zu früh gehen. Das Blau ist am tiefsten, wenn es sich am dunkelsten anfühlt. Viele packen fünf Minuten vor dem besten Bild ein.

Auf den Himmel belichten. Dann sind die Gebäude schwarz. Belichtet auf die Fassade und lasst den Himmel etwas heller werden – in RAW ist er zurückzuholen.

Übung

Sucht euch ein beleuchtetes Gebäude in eurer Stadt und geht an einem klaren Abend hin – mit Stativ, eine Stunde vor Sonnenuntergang.

Macht ab Sonnenuntergang alle fünf Minuten ein Bild aus derselben Position, eine Stunde lang. Das sind zwölf Bilder.

Legt sie zu Hause nebeneinander. Ihr werdet genau sehen, welche zwei oder drei Minuten die richtigen waren – und ihr werdet diese Zeit künftig kennen.

Vitali Skidan – Hochzeitsfotograf aus Bamberg

Seit über fünfzehn Jahren Hochzeiten und Reportagen in Franken, deutschlandweit unterwegs. Die Bilder in diesem Blog sind meine eigenen – aus Aufträgen und von unterwegs, mit den Aufnahmedaten darunter.

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