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Grundlagen

Perspektive: warum Augenhöhe fast immer die langweiligste ist

Die Höhe, aus der ihr fotografiert, verändert die Aussage eines Bildes stärker als jede Einstellung an der Kamera. Und sie kostet nichts.

Einstieg4 Min.·Vitali Skidan·
Aus Hüfthöhe zwischen zwei Fässern: Der Gang wird länger, die Menschen kleiner, der Raum größer.
ƒ/4 · 1/15 s · ISO 4000 · 16 mmAus Hüfthöhe zwischen zwei Fässern: Der Gang wird länger, die Menschen kleiner, der Raum größer.

In der Reportagefotografie konzentriere ich mich auf zwei Dinge: die Perspektive und den Bildschnitt. Beide kosten kein Geld, und beide verändern ein Bild stärker als das nächstteurere Objektiv.

Fangen wir mit der Perspektive an. Es gibt drei, und jede sagt etwas anderes über das Motiv aus.

Die Vogelperspektive

Von oben herab, auch Obersichtperspektive. Personen wirken eher klein und gestaucht, der Kopf größer als der Körper.

Bei Kindern finde ich diese Perspektive oft niedlich, weil sie die Kleinen noch kleiner macht. Das gilt genauso für Tiere. Was sie transportiert: Niedlichkeit, Unterwürfigkeit, Harmlosigkeit.

Man sollte sich das bewusst machen, bevor man einen Erwachsenen von oben fotografiert.

Die Normalperspektive

Die häufigste Perspektive, in der ich fotografiere. Hier sehen Menschen am natürlichsten aus.

Und jetzt der Punkt, an dem die meisten scheitern: Die Normalperspektive findet auf Augenhöhe des Motivs statt – nicht auf eurer.

Ich bin 1,93 m groß. Das heißt für mich, dass die Normalperspektive praktisch immer gebückt oder auf den Knien stattfindet. Bei einem Kind sowieso, aber auch bei den meisten Erwachsenen.

Wenn ihr allein darauf wirklich achtet, werdet ihr einen großen Sprung in euren Bildern feststellen. Es ist die billigste Verbesserung, die es gibt.

Die Froschperspektive

Von unten. Menschen wirken größer und gefährlicher, als sie sind. Eine leichte Froschperspektive kann auch dazu genutzt werden, jemanden erwachsener wirken zu lassen.

Zudem bekommt ihr mehr vom Hintergrund ins Bild – Himmel statt Boden – und schafft auf diesem Weg Dynamik.

Schon oft wurde ich gefragt, wieso ich da auf dem Boden fotografiere. Ich hoffe, ihr wisst es jetzt.

Kurz gefasst Von oben: klein, harmlos, niedlich. Auf Augenhöhe des Motivs: natürlich. Von unten: groß, dynamisch, ernst. Eure eigene Augenhöhe ist dabei nur zufällig manchmal die richtige.

Der wichtigste Satz zum Thema

Die Perspektive hängt allein vom Standpunkt ab. Die Brennweite hat damit nichts zu tun.

Das klingt nach Haarspalterei und ist der Punkt, an dem die halbe Fotografie missverstanden wird. Man hört überall, ein Weitwinkel „verzerre" Gesichter und ein Teleobjektiv „staple" den Hintergrund. Beides stimmt nicht. Was wirklich passiert:

Ein Weitwinkel zwingt euch nah heran, wenn das Gesicht das Bild füllen soll. Aus dreißig Zentimetern ist die Nase deutlich näher an der Kamera als die Ohren – dieses Verhältnis macht sie groß. Ein Tele zwingt euch weit weg, und aus drei Metern sind Nase und Ohren fast gleich weit entfernt.

Die Probe darauf könnt ihr in zwei Minuten machen: Fotografiert jemanden aus drei Metern mit 24 mm und dann aus derselben Stelle mit 85 mm. Schneidet das Weitwinkelbild auf denselben Ausschnitt zu. Die beiden Gesichter sind identisch. Was sich unterscheidet, ist nur die Auflösung.

Praktisch heißt das: Wenn euch ein Bild nicht gefällt, geht einen Schritt – nicht an den Zoomring. Der Zoom ändert, wie viel drauf ist. Der Schritt ändert, wie es aussieht. Mehr dazu unter Brennweite verstehen.

Zwei Fälle aus der Praxis

Gruppenbilder von leicht oben. Ein halber Meter über Augenhöhe – ein Stuhl, eine Stufe, eine Bank – und plötzlich sind alle Gesichter frei, statt dass die hintere Reihe hinter der vorderen verschwindet. Nebenbei schaut die Gruppe leicht nach oben, was fast jedem schmeichelt. Der Trick kostet zehn Sekunden und rettet mehr Gruppenbilder als jede Objektivwahl; mehr dazu unter Gruppenfotos.

Kinder ohne Bauchlage. Auf Augenhöhe eines Fünfjährigen heißt: Knie auf dem Boden, bei Kleinkindern flach liegen. Wer das nicht will, klappt das Display aus und hält die Kamera einfach herunter – das Bild wird dasselbe. Wer schummelt, merkt es sofort: Von oben herab sehen Kinder aus wie Kinder auf Erwachsenenfotos, auf ihrer Höhe sehen sie aus wie Menschen.

Der Werkzeugkoffer

Das Thema Bildgestaltung ist so weitläufig, dass ich es hier nur umreißen kann. Es gibt massenhaft Bildideen – etwa das Stapeln von Objekten, wenn ihr eine Reihe von Bänken fotografiert und sie perspektivisch übereinanderschiebt. Oder einen Rahmen um das Motiv zu bauen, der aus der Umgebung besteht.

Ich denke, dieser Teil kommt durch Ausprobieren von ganz allein. Aus meiner Zeit als Grafiker habe ich mir aus der Gestaltungslehre nur eine Liste gemerkt:

Drunter. Drüber. Dahinter. Davor. Nebeneinander. Wiederholung. Gemeinsamkeiten. Vordergrund. Hintergrund.

Wenn ihr diese Begriffe mit den Objekten kombiniert und variiert, werdet ihr alle Bildideen selbst herausfinden. Das ist der ganze Werkzeugkoffer – und er kostet nichts. Ihr könnt immer mehr davon hineinpacken.

Übung

Wählt ein Objekt oder eine Person. Überlegt euch eine Situation und einen passenden Hintergrund.

Macht Bilder derselben Situation aus allen drei Perspektiven. Nicht nur den Winkel ändern – geht wirklich auf die Knie und wirklich auf den Boden.

Legt die drei Bilder danach nebeneinander und beschreibt in einem Satz, was sich an der Aussage geändert hat. Nicht was technisch anders ist. Was das Bild über die Person sagt.

Vitali Skidan – Hochzeitsfotograf aus Bamberg

Seit über fünfzehn Jahren Hochzeiten und Reportagen in Franken, deutschlandweit unterwegs. Die Bilder in diesem Blog sind meine eigenen – aus Aufträgen und von unterwegs, mit den Aufnahmedaten darunter.

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