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Praxis & Situationen

Kinder fotografieren, ohne sie zu inszenieren

„Schau mal in die Kamera und lächel“ liefert genau die Bilder, die man später nicht ansehen will. Es gibt einen besseren Weg, und er ist auch der entspanntere.

Einstieg4 Min.·Vitali Skidan·

Schon als Kind fand ich es merkwürdig, alte Fotos anzusehen. Meistens hatte meine Mutter dasselbe Kommando gegeben: „Vitali – geh mal in die Blume.“

Abgesehen davon, dass das nicht geht, hatten diese Bilder von mir und meiner Verwandtschaft vor schönen Blumen wenig mit der Zeit zu tun, wie ich sie in Erinnerung hatte.

Die Bilder meines Vaters waren anders. Wie ich das erste Mal verreise, mit breitem Grinsen und dem Koffer in der Hand zur Tür schreite, meine Mutter im Hintergrund leicht unscharf. Eine Serie, wie ich Müsli esse, aus leichter Vogelperspektive, die gemusterte Tapete in der Unschärfe.

Das ist der ganze Unterschied, und er hat mit Technik nichts zu tun.

Die wichtigste Einstellung ist die Höhe

Fotografiert auf Augenhöhe des Kindes. Nicht auf eurer.

Ich bin 1,93 m groß. Für mich heißt das: praktisch immer in der Hocke oder auf den Knien. Wer allein darauf achtet, macht einen großen Sprung.

Von oben herab wirken Kinder klein, gestaucht, mit zu großem Kopf. Das kann man bewusst einsetzen – die Vogelperspektive suggeriert Niedlichkeit, und manchmal ist das genau richtig. Aber es sollte eine Entscheidung sein und nicht die Folge davon, dass man zu bequem war, sich hinzuknien.

Siehe Perspektive wechseln.

Keine Anweisungen

„Lächel mal“ liefert das Kunstlächeln, das jedes Kind ab drei Jahren beherrscht. Es sieht auf jedem Bild gleich aus und sagt nichts.

Was stattdessen funktioniert:

Lasst sie etwas tun. Ein Kind, das beschäftigt ist, vergisst die Kamera nach zwei Minuten. Spielen, malen, backen, Pfützen suchen – egal was, Hauptsache es geht nicht um euch.

Stellt Fragen statt Aufforderungen. „Was baust du da?“ bringt einen echten Blick. „Schau mal her“ bringt einen leeren.

Seid schon da, bevor es interessant wird. Wer erst die Kamera holt, wenn etwas passiert, kommt zu spät. Die Kamera liegt griffbereit, den ganzen Nachmittag.

Fotografiert weiter, wenn der Moment vorbei scheint. Die Sekunde nach dem Lachen ist oft die bessere.

Die Technik

Wenig, aber es sollte sitzen – Kinder warten nicht.

Modus A, Blende offen bis mittel (ƒ/2 bis ƒ/4). Genug Freistellung, um das unaufgeräumte Wohnzimmer verschwinden zu lassen.

Kurze Zeit. Mindestens 1/250 s, besser 1/500 s. Kinder bewegen sich schneller, als man denkt, und Bewegungsunschärfe im Gesicht rettet kein Bild.

ISO-Automatik mit hoher Obergrenze. Lieber rauschen als verwackeln.

Autofokus auf kontinuierlich (AF-C beziehungsweise AI Servo), mit Augenerkennung, wenn die Kamera sie hat. Siehe Autofokus-Modi.

Serienbild in kurzen Stößen, nicht als Dauerfeuer.

Kurz gefasst Runter auf Augenhöhe, keine Anweisungen, kurze Verschlusszeit, Kamera immer griffbereit. Der Rest ist Geduld.

Das Licht

Der häufigste Grund für enttäuschende Kinderbilder ist nicht die Kamera, sondern das Wohnzimmer am Novemberabend.

Ans Fenster. Wo immer möglich. Ein Kind, das am Fenstertisch malt, ist perfekt ausgeleuchtet – siehe natürliches Licht.

Deckenlampe aus. Sie macht Schatten von oben und mischt sich farblich mit dem Tageslicht.

Draußen im Schatten, nicht in der prallen Sonne. Ein Kind, das blinzelt, sieht auf keinem Bild gut aus.

Was ich mir angewöhnt habe

Nicht alles fotografieren. Es gibt Momente, in denen man Vater sein sollte und nicht Fotograf. Der erste Schultag hat auch einen Wert, wenn man ihn nur angesehen hat.

Serien statt Einzelbilder. Drei Bilder hintereinander vom selben Vorgang erzählen mehr als ein perfektes. Und man sieht später, wie es weiterging.

Details mitnehmen. Hände, Schuhe, das zerkratzte Knie, die Zahnlücke. Diese Bilder wirken beim Machen unwichtig und sind später die berührendsten.

Auch die schlechten Tage. Das weinende Kind, das genervte Gesicht, das Chaos. Ein Album, in dem nur gelacht wird, ist eine Fälschung.

Zum Veröffentlichen

Ein Punkt, den ich ernst nehme: Kinder können nicht einwilligen.

Rechtlich entscheiden die Sorgeberechtigten, und ab etwa 14 Jahren zunehmend das Kind selbst. Siehe Kinder fotografieren – rechtlich und menschlich.

Menschlich ginge ich weiter: Ein Bild, das in zehn Jahren peinlich sein könnte, gehört nicht ins Netz. Das eigene Kind hat mit fünf keine Meinung dazu, mit fünfzehn schon – und das Internet vergisst nichts.

Und fremde Kinder gar nicht erst fotografieren, ohne die Eltern zu fragen. Auf dem Spielplatz, beim Schulfest, im Urlaub. Ohne Ausnahme.

Übung

Nehmt euch einen Nachmittag mit einem Kind, das ihr kennt, und macht keine einzige Ansage.

Legt die Kamera in Reichweite, macht etwas gemeinsam, und fotografiert nebenbei – immer aus der Hocke.

Zu Hause vergleicht ihr das Ergebnis mit den letzten Bildern, bei denen ihr „Schau mal her“ gesagt habt.

Der Unterschied wird deutlich sein. Und er kostet nichts außer der Bereitschaft, sich hinzuknien.

Vitali Skidan – Hochzeitsfotograf aus Bamberg

Seit über fünfzehn Jahren Hochzeiten und Reportagen in Franken, deutschlandweit unterwegs. Die Bilder in diesem Blog sind meine eigenen – aus Aufträgen und von unterwegs, mit den Aufnahmedaten darunter.

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