Ein Bewerbungsfoto ist ein merkwürdiges Genre. Es soll professionell wirken, aber nicht steif. Sympathisch, aber nicht privat. Und es wird meistens von jemandem angesehen, der dreißig andere daneben liegen hat.
Muss es überhaupt sein?
Nein – rechtlich nicht. Seit dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz ist ein Foto keine Pflichtangabe, und manche Unternehmen bitten ausdrücklich darum, es wegzulassen, um unbewusste Vorurteile zu verringern.
In der Praxis wird es in Deutschland trotzdem in den meisten Branchen erwartet. Wer es weglässt, sollte damit rechnen, dass es auffällt.
Die brauchbarste Regel: Wenn in der Ausschreibung nichts dazu steht, legt eines bei. Wenn ausdrücklich darum gebeten wird, es wegzulassen, lasst es weg.
Was ein gutes ausmacht
Der Blick geht zur Kamera. Alles andere wirkt ausweichend.
Ein leichtes Lächeln, kein breites. Die Augen müssen mitlächeln, sonst wirkt es aufgesetzt – man erkennt das daran, ob sich um die Augen etwas tut.
Ruhiger Hintergrund. Einfarbig oder sehr unruhig-unscharf. Keine Wohnung, keine Bücherwand, kein Urlaubsbild.
Kleidung wie beim Vorstellungsgespräch. Nicht besser und nicht schlechter. Wer im Handwerk arbeitet, muss keinen Anzug tragen; wer in eine Kanzlei will, kein T-Shirt.
Aktuell. Ein Bild, auf dem man vier Jahre jünger aussieht, sorgt beim Gespräch für einen unnötigen Moment.
Format. Hochformat, ungefähr 4:5 oder 3:4, Kopf und Schultern bis Brusthöhe. Digital reicht eine Auflösung von rund 600 × 800 Pixeln.
Was es verdirbt
- Ein Ausschnitt aus einem Urlaubs- oder Partybild
- Passbild-Automat: frontal, hartes Licht, keine Freistellung
- Zu starke Retusche – Haut wie Plastik wirkt unglaubwürdig
- Sonnenbrille, Mütze, Getränk im Bild
- Ein Selfie mit ausgestrecktem Arm: Die Nähe verzerrt das Gesicht, siehe Brennweite
Selbst machen: die Anleitung
Es geht, und zwar mit erstaunlich wenig.
Was ihr braucht: eine Kamera oder ein aktuelles Smartphone, ein Stativ oder eine stabile Ablage, ein großes Fenster, eine helle Wand – und eine zweite Person. Allein ist es deutlich schwerer.
Der Aufbau:
- Stellt euch etwa einen Meter vor eine ruhige, helle Wand. Der Abstand sorgt dafür, dass die Wand unscharf wird und ihr keinen Schatten darauf werft.
- Das Fenster kommt seitlich, etwa 45 Grad vor euch. Nicht hinter euch und nicht direkt gegenüber.
- Alle anderen Lichter aus. Sonst habt ihr Mischlicht mit zwei Farben.
- Ein weißer Karton auf der Schattenseite, etwa einen Meter entfernt. Das hellt die dunkle Gesichtshälfte auf.
- Kamera auf Augenhöhe, nicht darüber und nicht darunter.
Die Einstellungen:
- Brennweite 70 bis 105 mm äquivalent – bei Abstand von zwei bis drei Metern
- Blende ƒ/2.8 bis ƒ/4
- Fokus auf das vordere Auge
- Weißabgleich auf Tageslicht, nicht Automatik
Die Haltung:
- Schultern leicht schräg, nicht frontal
- Kinn ein wenig nach vorne und leicht nach unten – unbequem, sieht besser aus
- Gewicht auf einem Bein
Der Trick mit den Serien
Der Grund, warum Bewerbungsfotos aus dem Studio besser aussehen, ist nicht das Licht. Es ist die Menge.
Ein Fotograf macht sechzig Bilder und sucht drei aus. Wer selbst fotografiert, macht oft fünf und nimmt das beste davon – und das ist statistisch schlechter.
Macht mindestens vierzig Bilder. Redet dabei, bewegt euch leicht, wechselt zwischen ernst und lächelnd. Zwischen dem zwanzigsten und dem vierzigsten Bild lässt die Anspannung nach, und genau dort liegen meistens die guten.
Wann ich zum Profi raten würde
Wenn ihr euch bewerbt, wo Bilder Teil des Berufs sind – Kommunikation, Vertrieb, alles mit Kundenkontakt.
Wenn ihr euch vor der Kamera unwohl fühlt. Genau dann macht die Erfahrung des Fotografen den Unterschied – nicht die Ausrüstung, sondern dass jemand weiß, wie man jemanden entspannt.
Wenn es um eine wichtige Bewerbung geht. Ein Studiotermin kostet weniger als ein verlorener Bewerbungszyklus.
Und wenn ihr selbst Fotograf werden wollt: Bewerbungsfotos sind ein guter Einstieg ins Portraitgeschäft. Der Aufbau ist einfach, der Bedarf ist konstant, und man lernt sehr schnell, Menschen in fünfzehn Minuten zu entspannen. Siehe Portraitfotografie.
Bearbeitung: wie viel ist zu viel
In Ordnung: Helligkeit, Kontrast, Farbstich korrigieren, ein einzelner Pickel, ein Fussel auf der Schulter, Augenringe leicht aufhellen.
Zu viel: Haut glätten, bis die Struktur weg ist. Zähne auf Weiß ziehen. Gesichtsform verändern. Falten entfernen.
Der Maßstab: Ihr sollt beim Vorstellungsgespräch erkennbar dieselbe Person sein. Alles, was diesen Test nicht besteht, schadet mehr, als es nützt.

Seit über fünfzehn Jahren Hochzeiten und Reportagen in Franken, deutschlandweit unterwegs. Die Bilder in diesem Blog sind meine eigenen – aus Aufträgen und von unterwegs, mit den Aufnahmedaten darunter.
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