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Grundlagen

Verschlusszeit: Bewegung einfrieren oder fließen lassen

Wie lange Licht auf den Sensor fällt, entscheidet über zwei Dinge: die Helligkeit und ob man sieht, dass sich etwas bewegt hat.

Einstieg4 Min.·Vitali Skidan·
1/2500 s – jede Falte im Kleid steht still. Bei 1/60 wäre daraus ein Wischer geworden.
ƒ/1.8 · 1/2500 s · ISO 500 · 85 mm1/2500 s – jede Falte im Kleid steht still. Bei 1/60 wäre daraus ein Wischer geworden.

Mit der Belichtungszeit bestimmt ihr, wie lange Licht auf euren Sensor fällt. Das reicht von einer Tausendstelsekunde – oder noch kürzer – bis zu mehreren Minuten. Letzteres kommt nur in Ausnahmefällen vor, etwa bei der Milchstraßenfotografie, einem Bereich, den ihr als Anfänger erstmal umschiffen solltet.

Wichtiger ist die zweite Wirkung: Die Belichtungszeit ist ein Gestaltungsmittel.

1/10001/5001/2501/1251/601/301/151/81/41/21 s2 s5 s15 s30 s
Sport, spielende Kinder – Bewegung eingefroren
Untergrenze aus der Hand bei Normalbrennweite
Wasserfall, Lichtspuren, Nacht – Stativ nötig
kurz · wenig Licht · scharflang · viel Licht · verwischt

Einfrieren oder zeigen

Bei sehr kurzen Zeiten lassen sich Bewegungen im Foto einfrieren. Wir nutzen das gerne, um Tiere im Zoo zu fotografieren, die sich nun einmal bewegen – oder Kinder, die es noch weniger gut aushalten, stillzustehen.

Längere Zeiten lassen Bilder oft dynamischer erscheinen. Fotografiert ihr einen Wasserfall, wirkt das Wasser bei kurzer Zeit wie eingefroren. Bei längerer verschwimmt es, und man kann das Fließen förmlich sehen.

Beides ist richtig. Die Frage ist nur, welches der beiden Bilder ihr wolltet – und genau die kann die Kamera nicht beantworten.

Die Faustregel gegen das Verwackeln

Längere Zeiten werden auch dann nötig, wenn das Licht schlechter wird. Dann geraten die Werte schnell in einen Bereich, in dem ein Problem entsteht – und zwar nicht bei der Kamera. Technisch sind lange Belichtungszeiten keine Herausforderung. Das Problem liegt beim Fotografen: Man bekommt die Kamera nicht mehr ruhig genug gehalten, und die Bilder werden unscharf.

Als Faustregel gilt: Aus der Hand fotografieren lassen sich alle Zeiten, die mindestens dem Kehrwert der Brennweite entsprechen.

Brennweitekürzeste Zeit aus der Hand
50 mm1/50 s
100 mm1/100 s
200 mm1/200 s

Das sind grobe Richtwerte, die aus der Erfahrung aber recht gut passen. Mit etwas Übung gehen auch kürzere. Ebenso helfen Bildstabilisatoren in Kamera oder Objektiv, die Zeit zu verlängern.

Am Ende sind trotzdem Grenzen gesetzt, und dann braucht ihr ein Stativ.

Zwei Fußnoten zur Faustregel. An einer Kamera mit kleinerem Sensor rechnet man mit der umgerechneten Brennweite – 50 mm an APS-C verlangen also eher 1/75 s. Und die Regel stammt aus einer Zeit, in der man Bilder als Abzug ansah; wer am Bildschirm auf hundert Prozent vergrößert, sieht Verwacklung deutlich früher.

Welche Zeit friert was ein

Die Faustregel oben schützt vor der eigenen Hand. Sie sagt nichts darüber, ob sich das Motiv bewegt – und das ist die häufigere Ursache für unscharfe Bilder. Ein Bildstabilisator hilft dagegen übrigens nicht: Er gleicht eure Bewegung aus, nicht die des Kindes.

MotivZeit
Portrait, jemand steht ruhig1/125 s
Gehende Menschen, Gespräche1/125 – 1/250 s
Spielende Kinder, Hunde1/500 s
Sport, Fahrräder, Sprünge1/1000 s
Vögel im Flug, Wassertropfen1/2000 s und kürzer
Wasserfall, seidigab 1/4 s, mit Stativ
Autolichter als Spuren10 – 30 s

Die Werte sind Anhaltspunkte, keine Naturgesetze: Eine Bewegung quer durchs Bild braucht kürzere Zeiten als dieselbe Bewegung auf die Kamera zu.

Mitziehen

Der Fall, in dem Unschärfe und Schärfe gleichzeitig im Bild stehen sollen: Das Motiv bleibt scharf, der Hintergrund verwischt.

Das geht so: Zeit auf etwa 1/30 bis 1/60 stellen, die Kamera schon vor dem Auslösen mit dem Motiv mitführen, im Mitziehen auslösen – und nach dem Auslösen weiter mitziehen, so wie man beim Golf durchschwingt. Wer im Moment des Klickens stehen bleibt, verwischt das Motiv mit.

Die ersten zwanzig Versuche gehen daneben. Das ist normal und der Grund, warum Motorsportfotografen so viele Bilder machen.

Die Grenze nach oben: Blitzsynchronzeit

Eine Zeit, die man nicht überschreiten kann, sobald ein Blitz mitspielt: meist 1/200 oder 1/250 Sekunde. Darüber ist der Verschluss nie ganz offen, und im Bild steht ein schwarzer Balken. Was man dagegen tut, steht unter Aufhellblitz.

Kurz gefasst Kurze Zeit friert ein und kostet Licht. Lange Zeit zeigt Bewegung und bringt Licht – bis die eigene Hand zum Problem wird.

In welchem Modus stellt man sie ein

Direkt vorgeben könnt ihr die Zeit in M (manuell) und S beziehungsweise Tv (Verschlussvorwahl). Bei S wählt ihr die Zeit, die Kamera rechnet die passende Blende dazu.

Sehr oft wird dieser Modus in der Sportfotografie eingesetzt: Durch kurze Zeiten werden die Bewegungen von Fußballern knackscharf eingefroren. Beim Motorsport neigt man dagegen zu etwas längeren Zeiten und zieht die Kamera in gleicher Geschwindigkeit mit dem Fahrzeug mit. Das Auto ist dann scharf, die Räder aber unscharf – und genau das erzeugt den Eindruck von Tempo.

Übung

Wählt ein Motiv, das sich bewegt. Ein Mensch, der läuft. Wasser aus einem Hahn. Ein Hund.

Erfindet eine Bildidee, bei der ihr die Bewegung einfrieren wollt, also keine Unschärfe haben möchtet. Macht das Bild.

Erfindet dann eine Bildidee, bei der ihr die Bewegung zeigen wollt, also Bewegungsunschärfe wollt. Macht auch das.

Der Punkt der Übung ist nicht die Technik – die ist ein gedrehtes Rad. Der Punkt ist, dass ihr euch vorher entscheidet.

Vitali Skidan – Hochzeitsfotograf aus Bamberg

Seit über fünfzehn Jahren Hochzeiten und Reportagen in Franken, deutschlandweit unterwegs. Die Bilder in diesem Blog sind meine eigenen – aus Aufträgen und von unterwegs, mit den Aufnahmedaten darunter.

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