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Grundlagen

Bildaufbau: die Regeln, die man kennen muss, um sie zu brechen

Ein gutes Bild entsteht nicht durch die Kamera, sondern durch die Entscheidung, was hineinkommt und was nicht. Dafür gibt es Werkzeug – und es kostet nichts.

Einstieg3 Min.·Vitali Skidan·
Zwei Fluchtlinien und ein Fluchtpunkt. Der Blick hat gar keine andere Wahl, als nach hinten zu laufen.
ƒ/2.8 · 1/40 s · ISO 4000 · 17 mm (26 mm KB)Zwei Fluchtlinien und ein Fluchtpunkt. Der Blick hat gar keine andere Wahl, als nach hinten zu laufen.

Der Beruf des Fotografen war ursprünglich ein Handwerk. Wenn wir davon ausgehen, dass ein Fotograf ein Handwerker ist, folgt daraus etwas Praktisches: Er braucht Werkzeug.

Das Schöne an diesem Werkzeug ist, dass es nichts kostet. Ihr könnt immer mehr davon in den Koffer packen, und keiner der Griffe wird von einem teureren Objektiv ersetzt.

Der Bildschnitt ist die erste Entscheidung

Bevor irgendeine Einstellung an der Kamera zählt, zählt eine Frage: Was kommt ins Bild und was nicht?

Die meisten Anfängerbilder haben nicht zu wenig Technik, sondern zu viel drauf. Ein Motiv, das interessant war, verschwindet zwischen Mülleimern, Straßenschildern und drei fremden Leuten am Rand. Der Blick des Betrachters weiß nicht, wohin.

Der erste Griff ist deshalb immer derselbe: einen Schritt näher. Nicht zoomen – gehen. Und dann noch einen.

Die neun Begriffe

Aus meiner Zeit als Grafiker habe ich mir aus der Gestaltungslehre nur eine Liste gemerkt. Neun Wörter, mehr nicht:

Drunter. Drüber. Dahinter. Davor. Nebeneinander. Wiederholung. Gemeinsamkeiten. Vordergrund. Hintergrund.

Wenn ihr diese Begriffe mit den Objekten vor euch kombiniert und variiert, werdet ihr alle Bildideen selbst herausfinden. Das klingt fast zu einfach, aber es funktioniert, weil es die Aufmerksamkeit auf die Beziehungen zwischen den Dingen lenkt statt auf die Dinge selbst.

Ein paar Beispiele, was daraus wird:

Wiederholung. Eine Reihe Bänke, eine Reihe Fenster, eine Reihe Bäume. Aus dem richtigen Winkel stapeln sie sich perspektivisch übereinander, und aus einem langweiligen Park wird ein Muster.

Rahmen (davor). Ein Türbogen, ein Ast, eine Fensterlaibung im Vordergrund, die das Motiv einfasst. Der Blick wird geführt, ohne dass man etwas dazu sagen muss.

Vordergrund. Bei Landschaften der häufigste Unterschied zwischen Postkarte und Bild. Etwas Nahes ins untere Drittel – ein Stein, Gras, Wasser – und plötzlich hat das Bild Tiefe.

Blickführung

Linien führen das Auge. Das ist keine Theorie, sondern beobachtbar: Ein Weg, ein Zaun, ein Geländer, eine Schattenkante – der Blick folgt ihnen, ob man will oder nicht.

Daraus folgt eine einfache Frage vor dem Auslösen: Wohin führt die stärkste Linie in diesem Bild? Wenn sie aus dem Bild hinausführt, dreht euch ein bisschen. Wenn sie zum Motiv führt, habt ihr gewonnen.

Diagonalen wirken dabei dynamischer als Waagerechte und Senkrechte. Deshalb wirkt dieselbe Straße von der Seite fotografiert lebendiger als frontal.

Kurz gefasst Erst entscheiden, was weg soll. Dann einen Schritt näher. Dann schauen, wohin die Linien führen. Alles andere ist Feinschliff.

Ruhe oder Spannung

Das Hauptmotiv zu zentrieren wirkt oft etwas langweilig – aber „langweilig“ ist hier ein Werkzeug, kein Fehler. Die mittige Platzierung könnt ihr nutzen, um ein Bild ruhiger und solider zu gestalten. Ein Portrait, das Würde ausstrahlen soll, steht gerne in der Mitte.

Wenn ihr dagegen Spannung aufbauen wollt, platziert ihr das Motiv im oberen oder unteren, linken oder rechten Drittel. Mehr dazu unter Drittelregel und goldener Schnitt.

Und noch ein Griff, den viele vergessen: Blickrichtung braucht Platz. Wer nach rechts schaut, sollte rechts im Bild Raum haben. Sonst wirkt das Bild eng, ohne dass man sagen könnte, warum.

Der Hintergrund gehört zum Motiv

Der häufigste vermeidbare Fehler ist nicht die Belichtung, sondern der Laternenmast, der aus dem Kopf wächst.

Nehmt euch vor dem Auslösen zwei Sekunden und schaut den Hintergrund an, nicht das Motiv. Ein Schritt zur Seite räumt in aller Regel mehr auf als eine Stunde Nachbearbeitung. Und wenn es nicht anders geht, hilft eine offenere Blende – siehe Schärfentiefe.

Übung

Sucht euch ein einziges Motiv und macht davon zehn Bilder, ohne den Ort zu wechseln. Keine zehn Motive – zehnmal dasselbe.

Ändert jedes Mal genau eine Sache: die Höhe, den Abstand, den Ausschnitt, was im Vordergrund liegt, wohin die stärkste Linie zeigt.

Danach legt ihr die zehn nebeneinander. Es wird ein deutlich bestes dabei sein, und ihr werdet sagen können, warum. Das ist der ganze Lerneffekt – nicht, dass zehn Bilder besser sind als eins.

Vitali Skidan – Hochzeitsfotograf aus Bamberg

Seit über fünfzehn Jahren Hochzeiten und Reportagen in Franken, deutschlandweit unterwegs. Die Bilder in diesem Blog sind meine eigenen – aus Aufträgen und von unterwegs, mit den Aufnahmedaten darunter.

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