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Grundlagen

Licht lesen lernen – Richtung, Härte, Farbe

Ohne Licht kein Foto. Ohne gut eingesetztes Licht kein gutes Foto. Drei Eigenschaften genügen, um jede Situation einzuschätzen.

Einstieg3 Min.·Vitali Skidan·
Bedeckter Himmel, Laub als Rahmen: weiches Licht von oben, seitlich gefiltert durch die Reben.
ƒ/1.8 · 1/250 s · ISO 160 · 85 mmBedeckter Himmel, Laub als Rahmen: weiches Licht von oben, seitlich gefiltert durch die Reben.

Licht ist der einzige Rohstoff der Fotografie. Alles andere – Kamera, Objektiv, Bearbeitung – verarbeitet nur, was an Licht da war.

Deshalb ist die nützlichste Gewohnheit, die man sich beibringen kann, das Licht anzusehen, bevor man die Kamera hebt. Drei Fragen genügen dafür.

Erstens: Woher kommt es?

Die Richtung entscheidet über die Schatten, und die Schatten entscheiden über die Form.

Von vorne (Licht im Rücken des Fotografen): Alles ist gleichmäßig ausgeleuchtet, aber flach. Gesichter wirken breit, Landschaften platt. Das ist das Licht, das die meisten Urlaubsfotos ruiniert, weil man instinktiv so steht.

Von der Seite: Das Licht, das Form zeigt. Schatten laufen quer über das Motiv und machen sichtbar, dass es dreidimensional ist. Für fast alles die beste Ausgangslage.

Von hinten (Gegenlicht): Konturen leuchten, das Motiv wird zur Silhouette oder braucht eine Aufhellung. Schwierig, aber das schönste Licht, wenn es klappt. Mehr dazu unter Gegenlicht.

Von oben: Die Mittagssonne. Augenhöhlen werden zu schwarzen Löchern, unter Nasen und Kinn entstehen harte Schatten. Für Portraits die schlechteste aller Richtungen – und ausgerechnet die Zeit, zu der die meisten unterwegs sind.

Zweitens: Wie hart ist es?

Härte ist keine Frage der Helligkeit, sondern der Größe der Lichtquelle im Verhältnis zum Motiv.

Eine kleine Quelle – direkte Sonne, ein nackter Blitz, eine Glühbirne – wirft harte Schatten mit scharfer Kante. Eine große Quelle – bedeckter Himmel, ein großes Fenster, eine Softbox – wirft weiche Schatten mit fließendem Übergang.

Daraus folgt der praktischste Trick der ganzen Fotografie: Eine Quelle wird weicher, indem man sie vergrößert oder näher heranbringt. Ein Blitz gegen die Zimmerdecke geschossen macht aus der Decke die Lichtquelle – plötzlich ist sie zwei Meter breit statt fünf Zentimeter.

Ein bedeckter Himmel ist die größte Softbox der Welt. Viele halten ihn für schlechtes Fotowetter. Für Portraits ist er oft das beste, das man bekommen kann.

Drittens: Welche Farbe hat es?

Licht ist selten weiß. Es hat eine Farbtemperatur, gemessen in Kelvin:

Situationungefähr
Kerze1.800 K
Glühlampe2.700 K
Sonnenauf- und -untergang3.000 K
Mittagssonne5.500 K
Bedeckter Himmel6.500 K
Schatten an einem klaren Tag8.000 K

Niedrige Werte wirken warm, hohe kühl. Unser Auge gleicht das aus, die Kamera nur, wenn man sie lässt – siehe Weißabgleich.

Der Fehler dabei ist fast immer derselbe: Die Automatik korrigiert genau das weg, wofür man hergekommen ist. Wer zur goldenen Stunde fotografiert und den Weißabgleich auf Automatik lässt, bekommt neutrale Bilder von einem goldenen Abend.

Kurz gefasst Richtung entscheidet über Form. Größe der Quelle entscheidet über die Härte der Schatten. Farbtemperatur entscheidet über die Stimmung – und die Automatik nimmt sie euch weg, wenn ihr sie lasst.

Mischlicht ist der Sonderfall

Sobald zwei Quellen mit verschiedener Farbe im Bild sind – Fenster und Deckenlampe, Kerze und Blitz –, gibt es keinen Weißabgleich, der beides richtig macht. Ihr müsst euch entscheiden, welche Quelle stimmen soll.

In der Praxis heißt das meistens: eine davon ausschalten. Das Deckenlicht aus, und das Fenster macht die Arbeit.

Wie man es übt

Licht lesen lernt man nicht durch Lesen, sondern durch Hinsehen – und zwar ohne Kamera.

Nehmt euch eine Woche lang jeden Tag zwei Minuten und beantwortet für einen beliebigen Menschen vor euch die drei Fragen: Woher kommt das Licht? Ist es hart oder weich? Warm oder kühl?

Nach einer Woche macht ihr das automatisch, und zwar bevor ihr die Kamera anfasst. Das ist der Punkt, an dem die Technik anfängt, euch zu dienen statt umgekehrt.

Übung mit Kamera

Sucht euch eine Person und ein einzelnes Fenster. Kein anderes Licht.

Stellt die Person so, dass das Fenster einmal vorne, einmal seitlich und einmal hinten ist – drei Bilder, sonst nichts verändert.

Vergleicht die drei. Das mit dem seitlichen Fenster wird das plastischste sein, das mit dem Fenster vorne das flachste. Und das Gegenlichtbild wird entweder das schlechteste oder das beste sein, je nachdem, ob ihr auf das Gesicht gemessen habt.

Vitali Skidan – Hochzeitsfotograf aus Bamberg

Seit über fünfzehn Jahren Hochzeiten und Reportagen in Franken, deutschlandweit unterwegs. Die Bilder in diesem Blog sind meine eigenen – aus Aufträgen und von unterwegs, mit den Aufnahmedaten darunter.

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