Zum Inhalt springen
Große Fotografen

Vivian Maier: das Werk, das niemand sehen sollte

Über hunderttausend Aufnahmen, zu Lebzeiten fast nichts davon gezeigt. Ihre Geschichte stellt eine Frage, die man sich als Fotograf stellen sollte.

Einstieg3 Min.·Vitali Skidan·

Vivian Maier (1926–2009) arbeitete den größten Teil ihres Lebens als Kindermädchen, vor allem im Raum Chicago. Nebenher fotografierte sie – über Jahrzehnte, mit einer zweiäugigen Rolleiflex, auf der Straße.

Sie zeigte ihre Bilder praktisch niemandem. Ein großer Teil der Filme blieb sogar unentwickelt.

Wie das Werk gefunden wurde

2007 ersteigerte der Immobilienmakler und Heimatforscher John Maloof in Chicago für wenig Geld eine Kiste mit Negativen aus einem eingelagerten Bestand, weil er Material für ein Buch über ein Stadtviertel suchte.

Was er fand, hatte damit nichts zu tun – aber es war offensichtlich außergewöhnlich. Er kaufte weiter Bestände auf, begann die Bilder zu digitalisieren und stellte sie ins Netz. Die Resonanz war groß, und innerhalb weniger Jahre entstanden Ausstellungen, Bücher und ein Dokumentarfilm.

Maier selbst erlebte das nicht mehr. Sie starb 2009, kurz nachdem ihre Arbeiten entdeckt worden waren, ohne davon zu wissen.

Was die Bilder zeigen

Straßenfotografie im besten Sinne: Menschen in einer Stadt, ohne Inszenierung, oft sehr nah.

Zwei Dinge fallen technisch auf:

Die Kamera vor dem Bauch. Die Rolleiflex wird auf Brusthöhe gehalten, man schaut von oben in den Sucher. Das hat zwei Folgen: Die Perspektive liegt tiefer als die Augenhöhe, was den Bildern eine besondere Würde gibt. Und man muss Menschen nicht anvisieren – man kann fotografieren, ohne dass jemand merkt, dass er im Bild ist.

Das quadratische Format. Die Rolleiflex belichtet 6×6. Ein Quadrat hat keine Hoch- oder Querausrichtung und zwingt zu einer anderen Art von Komposition – mittiger, ruhiger.

Dazu kommt ein umfangreiches Werk an Selbstporträts, oft in Spiegelungen: in Schaufenstern, in Rückspiegeln, als Schatten auf dem Boden. Jemand, der sich nie zeigte, taucht immer wieder in den eigenen Bildern auf.

Die Frage, die bleibt

Für die eigene Arbeit ist ihre Geschichte aus zwei Gründen interessant.

Erstens: Sie fotografierte ohne Publikum. Kein Auftrag, keine Ausstellung, keine Rückmeldung. Über Jahrzehnte, in großer Menge, in hoher Qualität.

Das ist ungewöhnlich. Die meisten hören auf, wenn niemand hinschaut. Der naheliegende Schluss – dass gute Arbeit keine Bestätigung braucht – ist tröstlich, aber vielleicht zu einfach: Wir kennen nur die eine Vivian Maier, deren Kiste jemand fand. Wie viele es sonst noch gab, wissen wir nicht.

Zweitens: Sie hat ihre Bilder nie veröffentlicht. Und dann wurden sie es doch, ohne dass sie zustimmen konnte.

Ob das richtig war, wird bis heute diskutiert. Für die Fotografiegeschichte ist es ein Gewinn. Ob es für sie einer gewesen wäre, weiß niemand.

Kurz gefasst Sie fotografierte jahrzehntelang ohne Publikum und in hoher Qualität. Und ihre Bilder wurden gezeigt, ohne dass sie je gefragt werden konnte. Beides gibt zu denken.

Der rechtliche Nachklang

Die Verwertung ihres Werks war jahrelang Gegenstand rechtlicher Auseinandersetzungen. Der Kern des Problems: Wer die Negative besitzt, besitzt nicht automatisch die Rechte daran.

Das Eigentum an einem Gegenstand und das Urheberrecht am darauf abgebildeten Werk sind zwei verschiedene Dinge. Das Urheberrecht geht nach dem Tod auf die Erben über – und die zu finden, war bei einer Frau ohne enge Angehörige aufwendig.

Für die eigene Praxis heißt das zweierlei. Wer alte Bilder kauft oder findet, darf sie nicht ohne Weiteres veröffentlichen. Und wer selbst ein Archiv aufbaut, sollte irgendwann regeln, was damit geschehen soll. Siehe Urheberrecht an Fotos.

Was man technisch mitnimmt

Aus der Hüfte fotografieren funktioniert. Man muss dafür keine Rolleiflex haben – ein Klappdisplay leistet dasselbe. Die niedrigere Perspektive verändert Portraits deutlich, siehe Perspektive.

Eine Kamera, eine Brennweite, jahrelang. Ihr Werk ist mit einer sehr begrenzten Ausrüstung entstanden. Das ist bei den meisten großen Werken so, und es ist kein Zufall.

Nah rangehen. Ihre Bilder sind nah, oft unangenehm nah. Genau das macht sie stark. Siehe Straßenfotografie.

Der ehrlichste Gedanke dazu

Wenn ich ihre Bilder ansehe, denke ich meistens nicht an Technik, sondern an die Kisten.

Über hunderttausend Aufnahmen, die jahrzehntelang niemand gesehen hat, und ein erheblicher Teil davon nicht einmal entwickelt. Sie hat fotografiert, ohne dass es einen Zweck hatte, den man von außen erkennen könnte.

Das ist der beste Einwand gegen die Frage, die viele am Anfang stellen: ob sich das alles lohnt. Offenbar kann Fotografieren etwas sein, das man tut, weil man es tut.

Vitali Skidan – Hochzeitsfotograf aus Bamberg

Seit über fünfzehn Jahren Hochzeiten und Reportagen in Franken, deutschlandweit unterwegs. Die Bilder in diesem Blog sind meine eigenen – aus Aufträgen und von unterwegs, mit den Aufnahmedaten darunter.

Hochzeitsfotografie auf skidan.deFotokurse