
Straßenfotografie ist billig und schwer. Man braucht eine Kamera, ein Objektiv und sonst nichts. Was man braucht und nicht kaufen kann, ist die Bereitschaft, sich mit einer Kamera einem fremden Menschen zu nähern.
Genau daran scheitern die meisten – nicht an der Technik.
Die Einstellungen, die man einmal setzt
Straßenfotografie duldet kein Nachdenken. Wenn ein Moment da ist, dauert er zwei Sekunden.
Modus A, Blende ƒ/5.6 bis ƒ/8. Genug Schärfentiefe, dass ein Fehler beim Fokus nicht das Bild kostet.
ISO-Automatik mit Obergrenze, damit die Zeit nie unter 1/250 s fällt.
Ein Autofokuspunkt in der Mitte oder – wer es kann – manueller Fokus auf einen festen Abstand. Letzteres nennt sich Zonenfokus: Bei ƒ/8 und 35 mm ist alles zwischen etwa zwei und fünf Metern scharf. Man stellt einmal ein und muss nie wieder fokussieren.
Eine Brennweite, nicht zwei. 35 oder 50 mm. Wer wechselt, verpasst.
Warum 35 mm und nicht 200
Ein Teleobjektiv aus zwanzig Metern wirkt wie eine Überwachungskamera – sowohl auf die Fotografierten als auch im Bild. Die Bilder haben keine Beteiligung, weil der Fotograf keine hatte.
Straßenfotografie lebt davon, dass man im Geschehen steht, nicht daneben. Das bedeutet unbequeme Nähe: zwei bis vier Meter. Die berühmte Regel von Robert Capa – wenn deine Bilder nicht gut genug sind, warst du nicht nah genug – meint genau das.
Wie man das aushält
Ein paar Dinge, die es leichter machen:
Bleibt stehen. Wer sich bewegt, fällt auf. Wer irgendwo steht und wartet, wird nach zwei Minuten Teil des Straßenbilds. Sucht euch eine gute Ecke – ein interessantes Licht, ein Hintergrund, eine Ecke, um die Leute biegen – und lasst die Szene zu euch kommen.
Schaut nicht weg. Der Reflex nach dem Auslösen ist, den Blick zu senken. Genau das wirkt schuldbewusst. Wer weiter schaut, ruhig, vielleicht nickt, erzeugt fast nie ein Problem.
Fragt manchmal. Nicht jedes Bild muss unbemerkt entstehen. „Darf ich Sie fotografieren, Sie stehen gerade wunderbar im Licht“ funktioniert überraschend oft – und ergibt eine andere Art von Bild, aber nicht unbedingt eine schlechtere.
Hört auf, wenn jemand nein sagt. Sofort und ohne Diskussion. Das ist Anstand und ersparte Konflikte in einem.
Was ein Bild ausmacht
Ein Foto von Leuten auf einer Straße ist noch keine Straßenfotografie. Was fehlt, ist meist eines von drei Dingen:
Ein Moment. Eine Geste, ein Blick, eine Begegnung – etwas, das eine Zehntelsekunde später anders wäre.
Eine Beziehung. Zwei Elemente, die zusammen etwas ergeben: der Mann vor dem Plakat, das dasselbe tut wie er. Der Hund, der genauso schaut wie sein Halter. Das ist es, was Cartier-Bresson den entscheidenden Augenblick nannte – siehe Henri Cartier-Bresson.
Licht. Ein Lichtstrahl zwischen zwei Häusern, in den jemand hineinläuft. Das ist die Technik, die man üben kann: Sucht das Licht zuerst, wartet dann auf die Person.
Der dritte Weg ist der lernbarste. Fangt damit an.
Die Rechtslage in Kürze
Das ist der Punkt, an dem viele unsicher werden – zu Recht, denn hier gilt etwas anderes als in vielen anderen Ländern.
Auslösen ist in der Öffentlichkeit weitgehend zulässig. Veröffentlichen ist die eigentliche Hürde: Nach dem Kunsturhebergesetz braucht es dafür in aller Regel eine Einwilligung der abgebildeten Person.
Es gibt Ausnahmen – Personen als Beiwerk neben einer Landschaft, Bilder von Versammlungen, Personen der Zeitgeschichte. Diese Ausnahmen sind enger, als die meisten annehmen, und sie retten kein Portrait eines Passanten.
Was daraus folgt: Fotografiert, was ihr wollt. Aber überlegt bei jedem Bild einer erkennbaren Person zweimal, bevor ihr es ins Netz stellt. Und fotografiert keine Kinder ohne die Eltern zu fragen.
Ausführlich: Fotografieren in der Öffentlichkeit und Recht am eigenen Bild.
Schwarz-Weiß
Straßenfotografie und Schwarz-Weiß gehören traditionell zusammen, und das hat einen praktischen Grund: Auf einer Straße sind die Farben zufällig. Eine rote Jacke zieht den Blick, ohne etwas zu bedeuten.
In Schwarz-Weiß bleiben Form, Licht und Geste. Das Bild wird auf das reduziert, was ihr gesehen habt.
Ein Rat trotzdem: in Farbe fotografieren, später entscheiden. Wer in RAW arbeitet, hat beide Möglichkeiten. Siehe Schwarz-Weiß-Fotografie.
Übung
Zwei Stunden, eine Brennweite, eine Straße.
Erste Stunde: Sucht nur Licht. Kein Motiv, keine Menschen – nur Stellen, wo das Licht interessant ist. Merkt euch drei davon.
Zweite Stunde: Stellt euch an eine dieser Stellen und wartet. Fotografiert jeden, der hineinläuft.
Ihr werdet in der zweiten Stunde mehr brauchbare Bilder machen als in der ersten – und ihr werdet danach nie wieder ziellos durch eine Stadt laufen.

Seit über fünfzehn Jahren Hochzeiten und Reportagen in Franken, deutschlandweit unterwegs. Die Bilder in diesem Blog sind meine eigenen – aus Aufträgen und von unterwegs, mit den Aufnahmedaten darunter.
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