Zum Inhalt springen
Große Fotografen

Annie Leibovitz: die Inszenierung als Handschrift

Wo andere den unbeobachteten Moment suchen, baut sie ihn. Ihre Portraits sind erfunden – und sagen trotzdem etwas Wahres über die Menschen darauf.

Einstieg4 Min.·Vitali Skidan·

Annie Leibovitz (geboren 1949) steht für das Gegenteil dessen, wofür Cartier-Bresson steht – und beide machen starke Bilder von Menschen. Genau deshalb lohnt es sich, sie nebeneinander anzusehen.

Bei ihm ist der Moment vorgefunden. Bei ihr ist er gebaut.

Der Weg

Sie begann Anfang der 1970er Jahre beim Musikmagazin Rolling Stone und wurde dort früh Chief Photographer. In dieser Zeit entstanden Portraits, die eng an den Menschen dran waren – sie reiste mit Musikern, war über längere Zeiträume dabei.

Später wechselte sie zu Vanity Fair und Vogue. Dort entstand der Stil, für den sie heute bekannt ist: aufwendig inszenierte Bilder mit großem Aufbau, Ausstattung und Team.

Diese Entwicklung ist selbst interessant – von der Nähe zur Konstruktion.

Was Inszenierung leisten kann

Der Einwand gegen gestellte Portraits lautet, sie seien unecht. Bei ihren Arbeiten greift er nicht, und der Grund lohnt sich:

Eine gute Inszenierung erzählt etwas über die Person. Sie stellt jemanden nicht in eine beliebige Kulisse, sondern in eine, die zu dem passt, was diese Person ausmacht oder tut. Das Bild ist erfunden, aber die Aussage nicht.

Das ist eine andere Art von Wahrheit als der unbeobachtete Moment – sie ist konstruiert und trotzdem nicht falsch. Ein Portrait, das einen Menschen in seiner Rolle zeigt, sagt manchmal mehr als ein Schnappschuss.

Der Aufwand dient dem Bild, nicht sich selbst. Bei den schwächeren Nachahmungen dieses Stils sieht man vor allem den Aufwand. Bei den guten Arbeiten sieht man die Person.

Was man daraus übernehmen kann

Auch ohne Team und Budget:

Denkt vor dem Termin über die Person nach. Was macht sie? Was ist ihr wichtig? Wo wäre sie am ehesten sie selbst? Ein Portrait am passenden Ort ist mehr wert als eines vor einem neutralen Hintergrund.

Ein Requisit kann helfen. Etwas, das die Person tatsächlich benutzt – ein Werkzeug, ein Instrument, ein Buch. Es löst nebenbei das Problem mit den Händen, siehe Portraitfotografie.

Licht darf sichtbar sein. In der Reportage soll man das Licht nicht bemerken. Bei einem inszenierten Portrait darf es Teil der Aussage sein – ein harter Schatten, ein Kantenlicht, eine bewusste Richtung. Siehe entfesselt blitzen.

Plant, aber lasst Raum. Auch bei aufwendigen Produktionen entstehen die besten Bilder oft neben dem Plan. Wer nur die Skizze abarbeitet, bekommt die Skizze.

Kurz gefasst Ein inszeniertes Portrait ist nicht weniger wahr als ein beobachtetes – wenn die Inszenierung etwas über die Person sagt statt über den Aufwand.

Wo Inszenierung kippt

Der Stil ist der meistkopierte der Portraitfotografie, und die Kopien zeigen gut, woran es scheitert. Drei Kippunkte:

Wenn die Kulisse nichts mit der Person zu tun hat. Ein Anwalt im Nebel auf einem Feld ist kein Portrait, sondern eine Bildidee, in die zufällig ein Anwalt gestellt wurde. Die Frage ist nicht „was sieht aufwendig aus", sondern „was sagt das über diesen Menschen".

Wenn der Aufwand sichtbarer ist als der Mensch. Sobald der Betrachter zuerst über die Produktion nachdenkt, ist das Bild an sich selbst gescheitert.

Wenn die Person keine Rolle mehr hat, sondern eine Pose. Zwischen „so arbeitet dieser Mensch" und „so soll dieser Mensch aussehen" liegt der ganze Unterschied.

Ein Portrait in dreißig Minuten planen

Von der Arbeitsweise lässt sich etwas mitnehmen, auch ohne Team – nämlich dass vor dem Termin nachgedacht wird. Vier Fragen, die vor jedem verabredeten Portrait eine halbe Stunde wert sind:

  1. Was macht diese Person? Nicht der Beruf auf der Visitenkarte, sondern die Tätigkeit, in der sie aufgeht.
  2. Wo tut sie das? Dieser Ort ist fast immer der bessere Hintergrund als ein neutraler.
  3. Was hat sie dabei in der Hand? Ein echtes Werkzeug, kein Requisit aus dem Fundus.
  4. Was soll man dem Bild ansehen? Ein Satz. Wer ihn nicht formulieren kann, fotografiert eine Person vor einer Wand.

Das ist der ganze Übertrag: nicht das Budget, sondern die halbe Stunde vorher.

Die zwei Pole

Für die eigene Arbeit ist die nützlichste Übung, beide Herangehensweisen auszuprobieren.

Beobachtend: Ihr verändert nichts, wartet und reagiert. Das Ergebnis wirkt zufällig gefunden – und man merkt schnell, wie viel Geduld dahintersteckt.

Inszenierend: Ihr überlegt vorher, was das Bild sagen soll, und baut es. Das Ergebnis wirkt gemacht – und man merkt schnell, wie schwer es ist, dabei nicht steif zu werden.

Die meisten Fotografen liegen irgendwo dazwischen und wissen es nicht. Wer beide Pole einmal bewusst ausprobiert hat, weiß danach, wo er steht.

Über das Handwerk hinaus

Ein Aspekt, der bei ihren Arbeiten oft übersehen wird: Sie hat über Jahrzehnte auch sehr persönliche Serien fotografiert, die nichts mit Auftrag zu tun hatten – Familie, Nähe, Verlust.

Dass jemand, der für die aufwendigsten Inszenierungen bekannt ist, gleichzeitig sehr private und schlichte Bilder macht, ist kein Widerspruch. Es zeigt, dass die Frage nach dem richtigen Stil falsch gestellt ist.

Es gibt nur die Frage, was ein bestimmtes Bild braucht.

Vitali Skidan – Hochzeitsfotograf aus Bamberg

Seit über fünfzehn Jahren Hochzeiten und Reportagen in Franken, deutschlandweit unterwegs. Die Bilder in diesem Blog sind meine eigenen – aus Aufträgen und von unterwegs, mit den Aufnahmedaten darunter.

Hochzeitsfotografie auf skidan.deFotokurse