Eine Kamera erzeugt Unschärfe optisch: Ein großer Sensor und eine große Objektivöffnung führen dazu, dass alles außerhalb der Schärfeebene auseinanderläuft – siehe Schärfentiefe.
Ein Smartphone kann das nicht. Sein Sensor ist zu klein und seine Brennweite zu kurz. Bei einer Handykamera ist bei normalem Abstand praktisch alles scharf.
Der Portraitmodus löst das rechnerisch.
Wie es funktioniert
Das Telefon erzeugt eine Tiefenkarte – eine Schätzung, wie weit jeder Bildpunkt entfernt ist. Dafür nutzt es je nach Gerät:
- Zwei Kameras mit leicht verschiedenem Blickwinkel, aus deren Versatz sich Entfernung berechnen lässt – dasselbe Prinzip wie beim menschlichen Sehen
- Einen Laser oder LiDAR-Sensor, der Entfernungen direkt misst
- Ein neuronales Netz, das aus einem einzelnen Bild schätzt, was vorn und was hinten ist
Anschließend wird das Bild entlang dieser Karte gestaffelt weichgezeichnet.
Woran man einen Rechenfehler erkennt
Die Haarkante. Der zuverlässigste Prüfpunkt. Einzelne Strähnen, die vom Kopf abstehen, werden häufig mit weichgezeichnet – der Umriss sieht dann ausgeschnitten aus. Bei Kurzhaarfrisuren fällt es kaum auf, bei offenen Haaren im Gegenlicht sofort.
Brillen. Der Rahmen liegt vor dem Gesicht, die Gläser zeigen den Hintergrund. Die Tiefenkarte kommt damit selten sauber zurecht.
Vorstehende Dinge. Eine Hand, die nach vorn zeigt, ein Arm, ein Getränk. Sie liegen näher als das Gesicht und werden trotzdem oft weichgezeichnet.
Zwischenräume. Der Spalt zwischen Arm und Körper, zwischen zwei Personen, zwischen Beinen. Dort steht oft ein scharfer Fleck Hintergrund.
Der abrupte Übergang. Optische Unschärfe nimmt mit der Entfernung allmählich zu. Rechnerische Unschärfe hat oft eine sichtbare Stufe – der Hintergrund ist auf einmal weich.
Lichtpunkte. Echtes Bokeh macht aus einem Lichtpunkt eine Scheibe mit Kante. Simuliertes Bokeh macht daraus einen weichen Fleck. Der Unterschied ist bei Lichterketten und Straßenlaternen deutlich.
Wie man ihn gut nutzt
Abstand zum Hintergrund. Der wirksamste Griff, und er hat mit dem Modus nichts zu tun: Je weiter die Person von der Wand entfernt steht, desto besser funktioniert die Trennung – und desto weniger Rechenarbeit ist nötig.
Das Teleobjektiv nehmen. Moderne Telefone bieten im Portraitmodus mehrere Brennweiten an, meist als „1ד, „2ד oder „3ד. Die längere Brennweite erzeugt echte optische Unschärfe zusätzlich zur gerechneten und wirkt deutlich natürlicher.
Gutes Licht. Bei wenig Licht wird die Tiefenschätzung ungenauer, und das Rauschen macht Kanten unklarer.
Einfache Umrisse. Ein Portrait vor einer glatten Wand oder in einer gleichmäßigen Umgebung gelingt zuverlässig. Ein Mensch vor einem Zaun, zwischen Ästen oder in einer Menschenmenge nicht.
Die Intensität zurücknehmen. Die meisten Telefone erlauben, die Stärke der Unschärfe einzustellen – vor oder nach der Aufnahme. Die Voreinstellung ist oft zu stark; ein moderater Wert wirkt echter.
Kontrollieren, bevor man weitergeht. Zoomt nach der Aufnahme auf die Haarkante. Wenn sie stimmt, stimmt meistens der Rest.
Nachträglich ändern
Das ist der eigentliche Vorteil gegenüber einer Kamera: Bei iPhones und den meisten Android-Geräten lassen sich Unschärfe und sogar der Fokuspunkt nach der Aufnahme verstellen.
Das Bild speichert die Tiefenkarte mit. In der Galerie lässt sich der Blendenwert nachträglich regeln und der Schärfepunkt verschieben.
Zwei Einschränkungen: Die Karte ist da, wo sie falsch war, immer noch falsch. Und beim Export in andere Programme geht die Information meist verloren – dann ist die Unschärfe eingerechnet und endgültig.
Wann der normale Modus besser ist
Nicht jedes Portrait braucht den Portraitmodus.
- Wenn der Hintergrund zur Aussage gehört – eine Person an ihrem Arbeitsplatz, in einer Landschaft, in ihrer Stadt.
- Bei Gruppen. Mehrere Personen in verschiedenen Abständen sind für die Tiefenschätzung eine schwierige Aufgabe.
- Bei komplizierten Umrissen – Locken, Hüte, Fahrräder, Pflanzen.
- Wenn ihr das Bild später bearbeiten wollt. Ein normales Bild lässt mehr Spielraum.
- Wenn ohnehin Abstand zum Hintergrund da ist und die Telebrennweite schon genug trennt.
Die Beleuchtungseffekte
Viele Telefone bieten im Portraitmodus zusätzlich simulierte Lichtstimmungen an – Studiolicht, Konturlicht, Bühnenlicht mit schwarzem Hintergrund.
Diese Effekte rechnen Helligkeit entlang derselben Tiefenkarte um. Sie funktionieren bei einfachen Umrissen erstaunlich gut und bei allem anderen gar nicht.
Der Effekt mit schwarzem Hintergrund ist der anspruchsvollste – er zeigt jeden Fehler in der Maske. Wer ihn nutzt, sollte das Ergebnis genau ansehen.
Übung
Fotografiert dieselbe Person zweimal im Portraitmodus: einmal einen halben Meter vor einer Wand, einmal drei Meter davor.
Zoomt danach auf die Haare.
Beim ersten Bild werdet ihr Fehler finden, beim zweiten kaum. Der Unterschied ist kein Softwareproblem, sondern ein Abstandsproblem – und ihr könnt ihn immer beeinflussen.

Seit über fünfzehn Jahren Hochzeiten und Reportagen in Franken, deutschlandweit unterwegs. Die Bilder in diesem Blog sind meine eigenen – aus Aufträgen und von unterwegs, mit den Aufnahmedaten darunter.
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