Bei kurzen Belichtungszeiten hält die Kamera einen Augenblick fest. Bei langen sammelt sie eine Zeitspanne auf einem Bild.
Das ist der eigentliche Reiz: Ein Wasserfall, der seidig fließt, Wolken, die zu Streifen werden, Autos, die als Lichtband durch die Stadt ziehen – so sieht das kein Mensch. Es ist keine Verfremdung, sondern eine andere Art zu schauen.
Was ihr braucht
Ein Stativ. Nicht verhandelbar. Ab etwa einer halben Sekunde gibt es keine Auflage mehr, die ausreicht – auch keine Mauer, kein Geländer.
Einen Fernauslöser oder den Selbstauslöser. Der Druck auf den Auslöser bewegt die Kamera. Bei zwei Sekunden Belichtung sieht man das. Der Selbstauslöser mit zwei Sekunden Vorlauf kostet nichts und löst das Problem.
Bei Tageslicht: einen ND-Filter. Dazu gleich mehr.
Was ihr nicht braucht: eine teure Kamera. Langzeitbelichtung ist eine der wenigen Disziplinen, in denen eine zehn Jahre alte Einsteigerkamera dasselbe Ergebnis liefert wie das neueste Modell.
Die Zeiten, die etwas bewirken
Es gibt keine richtige Zeit, sondern eine je nach Motiv:
| Motiv | Zeit | Wirkung |
|---|---|---|
| Wasserfall, Bach | 1/4 bis 2 s | Struktur bleibt, Fluss wird sichtbar |
| Meer, Brandung | 1 bis 5 s | Wellen werden weich |
| Meer, glatt wie Nebel | 30 s und länger | Wasser wird zur Fläche |
| Wolken in Bewegung | 30 s bis mehrere Minuten | Streifen am Himmel |
| Autoscheinwerfer | 5 bis 20 s | durchgehende Lichtbänder |
| Menschen verschwinden lassen | 2 Minuten und mehr | wer sich bewegt, wird unsichtbar |
Der häufigste Anfängerfehler ist, zu lang zu belichten. Ein Wasserfall bei 30 Sekunden ist eine weiße Fläche ohne Zeichnung. Bei einer halben Sekunde sieht man noch, dass es Wasser ist – und genau das ist meistens schöner.
Der ND-Filter
Tagsüber ist zu viel Licht da. Selbst bei ƒ/22 und ISO 100 kommt ihr selten über 1/15 Sekunde – zu kurz für einen Effekt.
Ein Graufilter, meist ND-Filter genannt, ist eine dunkle Scheibe vor dem Objektiv. Er nimmt Licht weg, sonst nichts: keine Farbe, keine Schärfe.
Die Stärke wird in Blendenstufen angegeben:
- ND8 (3 Stufen): aus 1/60 wird 1/8. Für Bäche im Schatten.
- ND64 (6 Stufen): aus 1/60 wird eine Sekunde. Der Allrounder.
- ND1000 (10 Stufen): aus 1/60 werden 16 Sekunden. Für glattes Meer und Wolkenstreifen am hellen Tag.
Praktischer Hinweis: Erst scharfstellen, dann den Filter aufschrauben. Bei ND1000 sieht der Autofokus nichts mehr. Und den Sucher abdecken, wenn eure Kamera einen optischen hat – durch ihn fällt sonst Licht ins Gehäuse und verfälscht die Messung.
Kurz gefasst Stativ, niedriger ISO, kleine Blende, und wenn das nicht reicht, ein ND-Filter. Und lieber zu kurz als zu lang: Struktur ist interessanter als eine weiße Fläche.
Der Ablauf am Wasser
- Stativ aufbauen und den Ausschnitt festlegen, bevor der Filter draufkommt.
- ISO auf den niedrigsten Wert, Blende auf ƒ/8 bis ƒ/11 – nicht weiter zu, weil die Schärfe darunter leidet.
- Scharfstellen, dann auf manuellen Fokus umschalten, damit die Kamera nicht nachjustiert.
- Filter aufschrauben.
- Testbild, Zeit anpassen, Testbild.
Wer über 30 Sekunden hinaus will, braucht den Modus B (Bulb): Dann bleibt der Verschluss offen, solange der Auslöser gedrückt ist. Mit einem Fernauslöser mit Feststellung geht das beliebig lange.
Nachts ohne Filter
Im Dunkeln braucht ihr keinen ND-Filter – dort ist Licht ohnehin knapp.
Für Lichtspuren von Autos: ISO 100, Blende ƒ/8 bis ƒ/11, Zeit 10 bis 20 Sekunden. Sucht euch eine Brücke über einer Straße, und wartet, bis genug Verkehr im Bild ist. Meistens braucht es mehrere Versuche, weil die Autos nicht auf Kommando fahren.
Ein Nebeneffekt, den viele erst später entdecken: Bei kleiner Blende werden Straßenlaternen zu Sternen. Bei ƒ/16 hat jede Lampe Strahlen, bei ƒ/2.8 ist sie ein Fleck.
Rauschen bei langen Zeiten
Ab etwa 30 Sekunden erwärmt sich der Sensor, und es entsteht eine andere Art von Rauschen als bei hohem ISO – einzelne helle Pixel, oft farbig.
Die meisten Kameras haben dagegen die Rauschunterdrückung bei Langzeitbelichtung. Sie macht nach dem Bild eine zweite Aufnahme gleicher Länge mit geschlossenem Verschluss und zieht das Ergebnis ab. Das funktioniert gut, verdoppelt aber die Wartezeit: Nach einer Zwei-Minuten-Aufnahme steht die Kamera zwei weitere Minuten still.
Bei einer Serie schaltet man sie besser ab und räumt später am Rechner auf.
Übung
Sucht euch fließendes Wasser – ein Bach genügt, ein Springbrunnen auch.
Stellt die Kamera auf ein Stativ und macht dieselbe Aufnahme mit 1/500 s, 1/30 s, 1/4 s, 1 s und, falls möglich, 5 s.
Legt die fünf nebeneinander. Ihr werdet feststellen, dass weder das kürzeste noch das längste das schönste ist, sondern eines in der Mitte – und dass ihr das vorher nicht hättet vorhersagen können.

Seit über fünfzehn Jahren Hochzeiten und Reportagen in Franken, deutschlandweit unterwegs. Die Bilder in diesem Blog sind meine eigenen – aus Aufträgen und von unterwegs, mit den Aufnahmedaten darunter.
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