
Gegenlicht heißt: Die Lichtquelle steht hinter dem Motiv. Der klassische Rat dazu lautete jahrzehntelang „Sonne im Rücken des Fotografen“. Der Rat ist bequem und liefert langweilige Bilder.
Denn Gegenlicht kann etwas, das kein anderes Licht kann: Es trennt das Motiv vom Hintergrund, ohne dass man dafür die Blende bemühen muss.
Was Gegenlicht macht
Konturlicht. Haare, Fell und Stoffkanten leuchten auf. Eine Person bekommt eine helle Linie um Kopf und Schultern und löst sich damit vom Hintergrund. Bei Kindern und Tieren ist das der Effekt, für den es sich allein schon lohnt.
Sichtbare Luft. Staub, Pollen, Dunst, Atem im Winter – alles, was in der Luft schwebt, wird im Gegenlicht sichtbar. Ein Bild bekommt Tiefe, die vorher nicht da war.
Weniger Blinzeln. Wer nicht in die Sonne schaut, kneift nicht die Augen zusammen. Das ist kein ästhetisches, sondern ein praktisches Argument, und es allein rechtfertigt die Richtung.
Warum die Kamera falsch misst
Jede Belichtungsmessung geht davon aus, dass das Gemessene mittelgrau werden soll. Steht eine helle Lichtquelle im Bild, zieht sie den Durchschnitt hoch – und die Kamera dunkelt ab, um ihn wieder auf Mittelgrau zu bringen.
Ergebnis: Der Himmel stimmt, das Gesicht ist eine Silhouette.
Das ist kein Kamerafehler, sondern korrektes Verhalten bei falscher Frage. Ihr müsst der Kamera sagen, worauf es ankommt.
Drei Wege, es richtig zu machen
Erstens: die Messmethode wechseln. Stellt auf Spot oder selektiv und messt auf das Gesicht. Der Hintergrund wird heller, oft ausgefressen – das ist der Preis und meistens akzeptabel. Mehr dazu unter Belichtungsmessung.
Zweitens: die Belichtungskorrektur. Wenn ihr bei Mehrfeldmessung bleiben wollt, dreht die Korrektur um eine bis zwei Stufen ins Plus. Der Knopf heißt meist +/– und ist der am meisten unterschätzte an der ganzen Kamera.
Drittens: aufhellen. Ein Reflektor oder ein Aufhellblitz bringt Licht auf die Vorderseite, ohne den Hintergrund zu verändern. Das ist die einzige Lösung, bei der beides stimmt.
Blendenflecke: Fehler oder Mittel
Wenn Licht direkt ins Objektiv fällt, entstehen Reflexe zwischen den Linsen – farbige Kreise, Streifen, ein milchiger Schleier über dem ganzen Bild.
Ob das ein Fehler ist, entscheidet ihr. Ein bewusst gesetzter Lichtreflex kann ein Bild wärmer und lebendiger machen. Ein Schleier, der den Kontrast frisst, ist einfach nur ein schlechtes Bild.
Was ihr in der Hand habt:
- Die Sonnenblende aufsetzen. Sie liegt bei fast jedem Objektiv dabei und liegt bei fast jedem in der Schublade. Sie hilft gegen seitlich einfallendes Streulicht.
- Die Sonne verdecken. Ein Baum, ein Hausdach, der Kopf der Person – wenn die Quelle knapp hinter etwas steht, bekommt ihr Konturlicht ohne Schleier.
- Die Hand vorhalten. Beim Testbild die Hand seitlich neben das Objektiv halten und schauen, ob der Kontrast zurückkommt.
- Blende schließen. Bei kleiner Blende wird aus der Sonne ein Stern mit Strahlen. Das ist ein Effekt, den man mögen kann oder nicht.
Vorsicht bei einem Filter auf dem Objektiv: Billige Schutzfilter erzeugen im Gegenlicht zusätzliche Reflexe. Bei Gegenlicht also abschrauben.
Die Silhouette als Absicht
Manchmal ist die Silhouette das Ziel. Dann macht ihr es andersherum: auf den hellen Hintergrund messen und das Motiv bewusst schwarz laufen lassen.
Damit das funktioniert, muss die Form für sich sprechen. Eine Silhouette von vorne ist ein schwarzer Klumpen; eine im Profil erzählt etwas. Und die Umrisse dürfen sich nicht überschneiden – zwei Personen, die sich berühren, werden zu einem unlesbaren Fleck.
Übung
Sucht euch die tiefstehende Sonne und eine Person.
Macht drei Bilder derselben Situation: einmal wie die Kamera von selbst misst, einmal mit Spotmessung auf das Gesicht, einmal mit zwei Stufen Belichtungskorrektur ins Plus.
Und dann ein viertes: bewusst als Silhouette, auf den Himmel gemessen.
Vier Bilder, eine Situation, vier verschiedene Aussagen. Danach ist Gegenlicht keine Gefahr mehr, sondern eine Entscheidung.

Seit über fünfzehn Jahren Hochzeiten und Reportagen in Franken, deutschlandweit unterwegs. Die Bilder in diesem Blog sind meine eigenen – aus Aufträgen und von unterwegs, mit den Aufnahmedaten darunter.
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