
Ich fotografiere seit über fünfzehn Jahren Hochzeiten. Was ich in dieser Zeit gelernt habe, lässt sich in einem Satz sagen, und es ist nicht der, den man erwartet: Die wichtigsten Bilder sind die, für die niemand posiert hat.
Das Kleid ist am Abend im Schrank. Der Ringtausch dauert acht Sekunden und sieht auf jeder Hochzeit gleich aus. Was in zwanzig Jahren noch etwas bedeutet, ist der Blick des Vaters, als er seine Tochter zum ersten Mal im Kleid sieht. Und der passiert genau einmal, ungefragt, in einem Flur mit schlechtem Licht.
Der Ablauf und wo die Bilder liegen
Getting Ready. Meist der ruhigste Teil und oft der beste. Enge Räume, Fenster als einziges Licht, viele kleine Handlungen. Hier entstehen Details und die ersten echten Emotionen. Plant genug Zeit ein – eine Stunde je Seite ist knapp.
Die Trauung. Meist der Teil mit den strengsten Regeln und dem schlechtesten Licht. Klärt vorher mit dem Standesbeamten oder Pfarrer, wo ihr stehen dürft. In vielen Kirchen ist Blitzen verboten, in manchen das Betreten des Altarraums. Fragt vorher, nicht während.
Gratulation. Unterschätzt. In zehn Minuten drückt jeder Gast das Paar, und jedes dieser Bilder ist ein echtes Gefühl. Bleibt nah dran.
Paarshooting. Zwanzig bis dreißig Minuten, am besten zur goldenen Stunde. Nicht mehr – danach werden die Gesichter müde und die Bilder auch.
Feier. Reden, Tanz, Spiele. Hier braucht ihr Licht, das ihr mitbringt, und die Bereitschaft, lange zu bleiben.
Zwei Objektive genügen
Was ich tatsächlich benutze, ist weniger, als die meisten denken.
Ein lichtstarkes Normalobjektiv (35 oder 50 mm) für fast alles: Reportage, Räume, Gruppen, Nähe. Das ist das Objektiv, das den Tag über auf der Kamera bleibt.
Ein kurzes Tele (85 oder 105 mm) für Portraits, für die Trauung von hinten, und für alles, wo Abstand nötig ist.
Was noch dazugehört: zwei Kameragehäuse. Nicht wegen der Bildqualität, sondern weil Objektivwechsel Zeit kosten und weil eine Kamera ausfallen kann. Eine Hochzeit lässt sich nicht wiederholen.
Zwei Kartensteckplätze und die Einstellung, dass parallel auf beide geschrieben wird. Das ist die billigste Versicherung gegen den Totalverlust, die es gibt.
Licht, das man nicht wählen kann
Der Unterschied zwischen einem Portraittermin und einer Hochzeit: Ihr könnt euch das Licht nicht aussuchen. Die Trauung ist um 14 Uhr, egal wie die Sonne steht, und der Saal hat gelbe Deckenlampen.
Was daraus folgt:
- Lernt, Räume zu lesen. Wo ist das Fenster? Wo ist die Wand, gegen die man blitzen kann? Diese Frage stelle ich in jedem neuen Raum in den ersten zehn Sekunden.
- Ein Aufsteckblitz gehört dazu, gegen die Decke oder eine Wand geschwenkt. Siehe entfesselt blitzen.
- Hoher ISO ist kein Makel. Ein rauschendes, scharfes Bild vom Brautvatertanz ist besser als kein Bild.
Das Gespräch vorher ist die halbe Arbeit
Der größte Hebel für gute Hochzeitsbilder liegt Wochen vor dem Tag.
Klärt: Wann ist was? Wer gehört zur Familie und darf auf keinem Gruppenbild fehlen? Gibt es Spannungen, die man kennen sollte – getrennte Eltern, verstorbene Angehörige? Was ist dem Paar wirklich wichtig?
Und ganz praktisch: Wer ist die Ansprechperson vor Ort? Meistens eine Trauzeugin. Diese Person kennt alle Namen und kann in fünf Minuten die Gruppenbilder zusammentrommeln, wofür ihr allein eine halbe Stunde bräuchtet.
Fragt sie vorher, ob ihr ihre Nummer haben dürft – und löscht sie danach.
Gruppenbilder ohne Drama
Der unbeliebteste Teil, und der, an dem am meisten Zeit verlorengeht.
- Liste vorher machen. Fünf bis acht Konstellationen, mehr nicht.
- Ansprechperson ruft auf, nicht ihr.
- Ein fester Ort, im Schatten oder bei gleichmäßigem Licht.
- Blende ƒ/5.6 bis ƒ/8, damit die hintere Reihe scharf ist.
- Mehrere Auslösungen je Aufstellung – bei zwanzig Personen hat immer jemand die Augen zu.
Zwanzig Minuten reichen, wenn es vorbereitet ist. Ohne Vorbereitung wird es eine Stunde, und alle sind genervt.
Was ich nicht mehr mache
Ein paar Dinge habe ich mir über die Jahre abgewöhnt:
Bilder auf dem Display herumzeigen. Es kostet Zeit und zieht Aufmerksamkeit weg vom Tag.
Alles fotografieren. Ein Tag mit 3.000 Aufnahmen ergibt keine bessere Reportage als einer mit 900 – nur mehr Arbeit hinterher und weniger Aufmerksamkeit für das, was gerade passiert.
In die Zeremonie hineingehen. Ich bleibe hinten oder an der Seite. Ein Fotograf, der während des Jaworts durch den Mittelgang läuft, ist ein Fotograf, über den später geredet wird – und zwar nicht gut.
Für den Anfang
Wer damit anfangen will, sollte nicht mit einer eigenen Hochzeit anfangen. Der Weg, den ich empfehle, ist der Zweitfotograf: mitlaufen bei jemandem, der es kann, ohne die Verantwortung zu tragen. Man lernt in drei Hochzeiten mehr als in einem Jahr Theorie.
Wie das am Ende aussieht
Ein einzelnes Bild sagt über Reportagefotografie wenig – der Punkt ist die Reihe. Ganze Tage, vom Ankleiden bis zum letzten Tanz, stehen als Reportagen auf meiner Auftragsseite: skidan.de/reportagen. Wer wissen will, wie sich die Regeln oben über acht Stunden verhalten, sieht es dort besser als in jedem Absatz hier.
Übung
Geht auf ein Familienfest – Geburtstag, Taufe, Jubiläum – und fotografiert es wie eine Reportage.
Keine gestellten Bilder. Keine Ansagen. Nur zwei Stunden mit einer Normalbrennweite und der Aufgabe, die Momente zu erwischen, in denen niemand an euch denkt.
Danach wisst ihr, ob euch dieses Genre liegt. Es ist ein völlig anderer Beruf als Portraitfotografie im Studio, und man merkt ziemlich schnell, ob man es mag.

Seit über fünfzehn Jahren Hochzeiten und Reportagen in Franken, deutschlandweit unterwegs. Die Bilder in diesem Blog sind meine eigenen – aus Aufträgen und von unterwegs, mit den Aufnahmedaten darunter.
Hochzeitsfotografie auf skidan.deFotokurse