Zum Inhalt springen
Fotografie als Beruf

Als Zweitfotograf anfangen – der unterschätzte Weg

Drei Tage neben jemandem, der es kann, bringen mehr als ein Jahr Theorie. Und man trägt dabei nicht die Verantwortung, wenn etwas schiefgeht.

Einstieg4 Min.·Vitali Skidan·
Ein Paarshooting dauert zwanzig Minuten. Wer den Ablauf nicht kennt, verliert davon zehn.
ƒ/1.8 · 1/800 s · ISO 100 · 35 mmEin Paarshooting dauert zwanzig Minuten. Wer den Ablauf nicht kennt, verliert davon zehn.

Der übliche Einstieg in die Hochzeitsfotografie geht so: Jemand fragt, ob man seine Hochzeit fotografieren kann. Man sagt ja, weil man sich geschmeichelt fühlt. Und dann steht man an einem Samstag allein in einer Kirche mit schlechtem Licht, hat keinen Ablaufplan, kennt niemanden, und der Tag lässt sich nicht wiederholen.

Es gibt einen besseren Weg, und er wird erstaunlich selten gegangen.

Was ein Zweitfotograf tut

Bei größeren Hochzeiten arbeiten zwei Fotografen. Der Hauptfotograf trägt die Verantwortung und liefert; der zweite ergänzt.

Typische Aufgaben:

  • Parallel dokumentieren, wenn sich der Tag aufteilt – Getting Ready bei beiden Partnern gleichzeitig.
  • Die zweite Perspektive bei Trauung und Reden: während der eine von vorne arbeitet, deckt der andere die Reaktionen im Publikum ab.
  • Details und Zwischenmomente, während der Hauptfotograf mit den Gruppenbildern beschäftigt ist.
  • Assistenz – Blitze halten, Reflektor, Ausrüstung im Blick behalten.

Der Anteil verschiebt sich mit der Erfahrung. Am Anfang ist es mehr Assistenz, später mehr eigenständiges Fotografieren.

Was ihr davon habt

Ihr seht einen echten Ablauf. Das lässt sich nicht lesen. Wie lange ein Getting Ready wirklich dauert, wann die Ruhe kippt, wie man zwanzig Leute für ein Gruppenbild zusammenbekommt – das lernt man an einem Tag mehr als in zehn Videos.

Ihr seht, wie jemand mit Problemen umgeht. Der Pfarrer, der das Fotografieren einschränkt. Die Familie, die nicht miteinander spricht. Der Regen zur geplanten Paarshooting-Zeit. Genau diese Momente machen den Beruf aus, und genau sie kommen in keinem Kurs vor.

Ihr baut ein Portfolio auf – nach Absprache. Siehe Portfolio aufbauen.

Ihr tragt nicht die Verantwortung. Wenn eure Karte ausfällt, ist der Tag trotzdem dokumentiert. Diese Sicherheit ist am Anfang unbezahlbar.

Ihr werdet bezahlt. Nicht viel, aber es ist bezahlte Arbeit. Übliche Sätze für Zweitfotografen liegen deutlich unter dem Hauptfotografen, sind aber kein Nullsummenspiel.

Wie man einen findet

Der Teil, vor dem die meisten zurückschrecken. Er ist einfacher als gedacht.

Sucht Fotografen, deren Arbeit euch gefällt, in eurer Region. Nicht die zehn größten Namen des Landes – die haben feste Teams.

Schreibt eine kurze, konkrete Mail. Was ihr sucht, was ihr schon könnt, ein Link zu ein paar Bildern. Keine Lebensgeschichte.

Bietet an, erst einmal umsonst mitzulaufen. Das ist die Ausnahme von meiner sonstigen Regel gegen unbezahlte Arbeit: Hier bekommt ihr eine Ausbildung, und das ist eine echte Gegenleistung.

Rechnet mit Absagen. Von zehn Anfragen kommen vielleicht zwei Antworten und eine Zusage. Das ist normal und kein Urteil über euch.

Fragt im Herbst und Winter. Im Mai hat niemand Zeit für eine Mail.

Was ihr vorher klären solltet

Das Wichtigste, und der Punkt, an dem es sonst später Streit gibt:

Wem gehören die Bilder? Üblich ist, dass der Hauptfotograf sie bekommt und liefert. Was ihr davon fürs eigene Portfolio nutzen dürft, gehört vorher geklärt – und zwar schriftlich.

Wer ist gegenüber dem Paar verantwortlich? Der Hauptfotograf. Ihr sprecht nicht eigenständig Preise oder Zusagen aus.

Wie tretet ihr auf? Als Team, nicht als Konkurrenz. Ihr gebt keine Visitenkarten an die Gäste weiter – das ist der schnellste Weg, nie wieder gefragt zu werden.

Was passiert bei Ausfall? Wer springt ein, wenn einer krank wird?

Wie wird bezahlt? Pauschale pro Tag ist üblich. Klärt, ob Anfahrt und Bearbeitung enthalten sind.

Kurz gefasst Ihr lernt den echten Ablauf, ohne die Verantwortung zu tragen. Klärt vorher schriftlich, was ihr für euer Portfolio verwenden dürft – das ist der einzige Punkt, an dem es später Streit gibt.

Wie ihr euch nützlich macht

Ein guter Zweitfotograf wird wieder gebucht. Was dabei hilft:

Pünktlich und ausgeruht. Ein Hochzeitstag dauert zwölf Stunden.

Die eigene Ausrüstung im Griff. Genug Karten, geladene Akkus, alles vorher geprüft. Wer beim Hauptfotografen Akkus schnorrt, wird nicht wieder gefragt.

Nicht im Weg stehen. Der wichtigste Punkt. Achtet darauf, wo der Hauptfotograf steht, und geht nicht in dessen Bild. Das erfordert die ganze Zeit ein halbes Auge auf ihn.

Fragen stellen – aber später. Zwischendurch, in der Pause, danach. Nicht während des Jaworts.

Absprachen einhalten. Wenn ihr für die Reaktionen zuständig seid, macht ihr die Reaktionen. Auch wenn vorne gerade etwas Schöneres passiert.

Wann ihr bereit seid für eigene Aufträge

Es gibt kein Zertifikat dafür, aber ein paar brauchbare Anzeichen:

  • Ihr habt drei bis fünf Hochzeiten als Zweiter begleitet.
  • Ihr wisst, wie ihr in einem dunklen Raum in zehn Sekunden zu einer brauchbaren Einstellung kommt.
  • Ihr habt einen Plan für den Fall, dass eine Karte ausfällt.
  • Ihr könnt einen Ablauf lesen und wisst, wo ihr wann sein müsst.
  • Ihr habt eine Vorstellung davon, was ihr verlangen wollt – siehe Preise kalkulieren.

Und ein Zeichen, das man ernst nehmen sollte: Wenn der Hauptfotograf euch von sich aus mehr Verantwortung gibt, hält er euch für so weit. Das ist die ehrlichste Rückmeldung, die es in diesem Beruf gibt.

Für andere Bereiche

Das Prinzip funktioniert überall: Assistenz bei einem Produktfotografen, Mitlaufen bei einem Architekturfotografen, Assistenz im Studio.

Der Grund ist immer derselbe – man sieht, was zwischen den Bildern passiert. Und das ist der Teil des Berufs, über den niemand schreibt.

Vitali Skidan – Hochzeitsfotograf aus Bamberg

Seit über fünfzehn Jahren Hochzeiten und Reportagen in Franken, deutschlandweit unterwegs. Die Bilder in diesem Blog sind meine eigenen – aus Aufträgen und von unterwegs, mit den Aufnahmedaten darunter.

Hochzeitsfotografie auf skidan.deFotokurse