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Große Fotografen

Diane Arbus, eine Fotografin der Kontraste

Ihre Bilder werden gleichermaßen als einfühlsam und als übergriffig gelesen. Genau dieser Streit macht sie zu einem lehrreichen Fall.

Einstieg3 Min.·Vitali Skidan·

Diane Arbus (1923–1971) wuchs in einer wohlhabenden New Yorker Familie auf und arbeitete zunächst gemeinsam mit ihrem Mann in der Modefotografie.

Anfang der sechziger Jahre gab sie das auf und begann, Menschen zu fotografieren, die in Zeitschriften nicht vorkamen: Zirkusartisten, Nudistencamps, Menschen mit Behinderungen, Bewohner von Heimen, Paare in ihren Wohnungen, Kinder in Parks.

Was die Bilder auszeichnet

Der frontale Blick. Fast alle ihre Portraits zeigen Menschen, die direkt in die Kamera schauen. Kein Schnappschuss, keine Beobachtung – eine Begegnung, bei der beide Seiten wussten, was geschieht.

Das Quadrat. Ab Mitte der sechziger Jahre arbeitete sie mit einer zweiäugigen Rolleiflex im Format 6×6. Das Quadrat hat keine Vorzugsrichtung und stellt das Motiv mittig – es wirkt statisch und konfrontativ.

Der Blitz bei Tageslicht. Ein direkter Blitz, auch draußen. Das ist technisch der Aufhellblitz, aber ohne jede Zurückhaltung: Er hebt die Person hart aus dem Hintergrund, wirft einen Schatten hinter sie und lässt sie wie ausgeschnitten wirken.

Die Zeit. Arbus verbrachte oft Stunden oder mehrere Termine mit den Menschen, die sie fotografierte. Die Bilder sind nicht heimlich entstanden.

Der Streit über ihre Arbeit

Kaum eine Position der Fotogeschichte wird so gegensätzlich beurteilt.

Die eine Lesart: Arbus zeigte Menschen, die die Gesellschaft an den Rand gedrängt hatte, als Personen mit Würde und eigenem Blick. Sie nahm sie ernst, statt sie auszublenden. Der frontale Blick gibt ihnen die Kontrolle über das Bild zurück.

Die andere Lesart: Am schärfsten formuliert von Susan Sontag, die ihr vorwarf, das Ungewöhnliche für ein bürgerliches Publikum zur Schau zu stellen – ohne Anteilnahme, mit dem Effekt, dass Betrachter sich in ihrer Normalität bestätigt fühlen.

Beide Lesarten haben Substanz, und keine lässt sich abschließend widerlegen. Was man daraus ziehen kann, ist keine Antwort, sondern eine Frage für die eigene Arbeit:

Die Frage, die bleibt Wer fotografiert Menschen, deren Situation er nicht teilt, und was macht der Unterschied zwischen Anteilnahme und Schaustellung aus? Die Antwort liegt nicht im Bild, sondern in der Beziehung, aus der es entstand.

Ihre Arbeitsweise

Was aus Briefen, Notizen und Berichten überliefert ist:

Sie fragte. Ihre Portraits entstanden mit Wissen und Einverständnis der Fotografierten. Viele davon lernte sie über längere Zeit kennen.

Sie ging hin. Zu Jahrmärkten, in Wohnungen, in Einrichtungen. Sie wartete nicht darauf, dass ihr Motive begegneten.

Sie war neugierig, nicht sammelnd. In ihren Notizbüchern stehen Namen, Adressen, Verabredungen. Sie behandelte die Menschen als Bekannte, nicht als Motive.

Sie ließ Fehler stehen. Unruhige Hintergründe, halb geschlossene Augen, schiefe Bildränder. Der Moment war ihr wichtiger als die Sauberkeit.

Die Wirkung

1967 zeigte das Museum of Modern Art in New York die Ausstellung New Documents mit Arbeiten von Arbus, Lee Friedlander und Garry Winogrand. Sie gilt als der Punkt, an dem dokumentarische Fotografie in den USA aufhörte, belehren zu wollen, und anfing, zu beobachten.

Arbus starb 1971. Die Retrospektive im Jahr darauf war eine der meistbesuchten Fotoausstellungen der Museumsgeschichte, und der begleitende Band ist bis heute in Auflage.

Ihr Einfluss ist in der zeitgenössischen Portraitfotografie unübersehbar – überall dort, wo Menschen frontal, mittig, mit hartem Licht und ohne Beschönigung gezeigt werden.

Was man mitnehmen kann

Der direkte Blick ist ein Mittel. Ein Mensch, der in die Kamera schaut, schaut den Betrachter an. Das ist etwas anderes als ein beobachtetes Bild – und es erzeugt eine Verbindlichkeit, der man nicht ausweichen kann.

Zeit ist die Voraussetzung. Diese Art von Portraits entsteht nicht in zwei Minuten. Wer sie machen will, muss bleiben.

Harter Blitz ist eine Entscheidung, kein Fehler. Er wird meist vermieden. Bewusst eingesetzt ist er ein starkes Stilmittel.

Und die schwierigste Lehre: Wer Menschen fotografiert, deren Lage er nicht teilt, trägt Verantwortung für das, was das Bild aus ihnen macht. Die Einwilligung – rechtlich geregelt unter Recht am eigenen Bild – ist dafür die Mindestbedingung, nicht die Antwort.

Vitali Skidan – Hochzeitsfotograf aus Bamberg

Seit über fünfzehn Jahren Hochzeiten und Reportagen in Franken, deutschlandweit unterwegs. Die Bilder in diesem Blog sind meine eigenen – aus Aufträgen und von unterwegs, mit den Aufnahmedaten darunter.

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