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Große Fotografen

Ansel Adams und das Zonensystem

Er hat die Belichtung von einer Schätzung zu einem Handwerk gemacht. Sein System stammt aus der Dunkelkammer und erklärt bis heute, wie man richtig belichtet.

Einstieg4 Min.·Vitali Skidan·

Ansel Adams (1902–1984) war ein amerikanischer Landschaftsfotograf, bekannt vor allem für seine Schwarz-Weiß-Aufnahmen aus dem Yosemite-Nationalpark und der Sierra Nevada.

Für uns ist er weniger wegen der Bilder interessant als wegen einer Denkweise, die er zusammen mit Fred Archer entwickelt hat: dem Zonensystem. Es stammt aus den 1940er Jahren, aus der Zeit von Großformatkameras und Dunkelkammern – und es erklärt bis heute besser als jede Automatik, was Belichten eigentlich heißt.

Das Problem, das es löst

Jeder Belichtungsmesser geht von derselben Annahme aus: Das, was er misst, soll mittelgrau werden.

Das ist meistens ungefähr richtig und manchmal grundfalsch. Fotografiert ihr eine weiße Wand, macht die Kamera sie grau. Fotografiert ihr eine schwarze Katze, macht sie die auch grau. Siehe Belichtungsmessung.

Adams' Antwort war, nicht mehr zu fragen „Wie hell ist es?“, sondern: „Wie hell soll dieser Bildteil im fertigen Bild sein?“

Die Zonen

Er teilte den Weg von Schwarz nach Weiß in elf Stufen, römisch nummeriert von 0 bis X. Jede Stufe entspricht einer Blendenstufe.

ZoneWirkungBeispiel
0reines Schwarz, keine Zeichnung
IIerste erkennbare Zeichnung im Dunkelnschwarzer Stoff mit Struktur
IIIdunkel mit ZeichnungSchatten, in denen man etwas erkennt
VMittelgraudie Annahme jedes Belichtungsmessers
VIhelle Hautkaukasischer Hautton im Licht
VIIhell mit Zeichnungheller Stoff, Schnee mit Struktur
VIIIsehr hell, kaum ZeichnungSchnee in der Sonne
Xreines Weiß, keine Zeichnungdie Sonne selbst

Die praktische Anwendung sieht so aus: Ihr messt einen bestimmten Bildteil per Spotmessung – sagen wir eine Schneefläche. Die Kamera will daraus Zone V machen, also mittelgraue Pampe. Ihr wisst aber, dass Schnee Zone VII oder VIII sein soll. Also gebt ihr zwei bis drei Blendenstufen mehr Belichtung.

Warum das heute noch gilt

Adams arbeitete mit Negativfilm, und ein Teil des Systems betrifft die Entwicklung: Durch längere oder kürzere Entwicklung ließ sich der Kontrast des Negativs steuern. Das entfällt bei Digital.

Der Kern bleibt aber unverändert richtig:

Erst entscheiden, wie das Bild aussehen soll. Dann messen. Dann korrigieren.

Genau in dieser Reihenfolge. Die meisten machen es umgekehrt: erst auslösen, dann am Bildschirm feststellen, dass es nicht passt.

Und das digitale Gegenstück zu den Zonen ist das Histogramm. Wer es lesen kann, sieht sofort, ob Zeichnung in den Lichtern und Schatten ist – und ob der verfügbare Bereich überhaupt genutzt wird.

Kurz gefasst Der Belichtungsmesser sagt euch, was mittelgrau würde. Ihr müsst entscheiden, was mittelgrau werden soll. Der Unterschied zwischen beidem ist eure Belichtungskorrektur.

Das Vorstellungsbild

Ein zweiter Begriff von Adams, der weniger technisch und mindestens so nützlich ist: die Visualisierung – die Vorstellung des fertigen Bildes, bevor man auslöst.

Er meinte damit: Man sieht eine Szene und stellt sich vor, wie sie als Abzug aussehen soll. Wie dunkel der Himmel wird, wie viel Zeichnung im Schatten bleibt, was betont wird. Erst danach legt man Belichtung und Entwicklung darauf fest.

Für die digitale Arbeit heißt das: Die Bearbeitung beginnt nicht am Rechner, sondern beim Auslösen. Wer weiß, dass er den Himmel später abdunkeln will, belichtet ihn anders – nämlich so, dass dort noch Zeichnung ist.

Group f/64

1932 gehörte Adams zu den Gründern der Gruppe f/64, benannt nach der sehr kleinen Blende, die maximale Schärfentiefe ergibt.

Die Gruppe wandte sich gegen den damals verbreiteten Piktorialismus, der Fotografie durch Weichzeichner und Eingriffe an Malerei annäherte. Ihr Gegenprogramm: scharf von vorne bis hinten, präzise, unmanipuliert.

Diese Auffassung – dass Fotografie ihre eigene Sprache hat und sie nicht von der Malerei borgen muss – prägt die Landschaftsfotografie bis heute. Siehe Landschaftsfotografie.

Der Naturschützer

Adams war Zeit seines Lebens im Naturschutz aktiv, lange im Sierra Club, und seine Bilder haben zur Ausweisung von Schutzgebieten in den USA beigetragen.

Das ist ein Aspekt, der bei ihm untrennbar zum Werk gehört: Die Bilder waren nicht nur Kunst, sondern Argument. Sie sollten zeigen, was zu verlieren wäre.

Wer sich fragt, wozu Landschaftsfotografie über die schöne Wand hinaus gut sein soll, findet hier eine Antwort.

Übung nach Adams

Sucht euch eine Szene mit hohem Kontrast – Schnee, ein heller Himmel über dunklem Wald, eine Person vor einem Fenster.

Stellt auf Spotmessung. Messt zuerst den hellsten Bereich, in dem noch Zeichnung sein soll, und notiert die Werte. Dann den dunkelsten mit Zeichnung.

Der Abstand in Blendenstufen sagt euch, ob eure Kamera beides unterbringen kann – die meisten schaffen etwa acht bis zehn Stufen. Ist der Abstand größer, müsst ihr euch entscheiden.

Diese Entscheidung bewusst zu treffen statt sie der Automatik zu überlassen, ist das ganze Zonensystem in einem Satz.

Vitali Skidan – Hochzeitsfotograf aus Bamberg

Seit über fünfzehn Jahren Hochzeiten und Reportagen in Franken, deutschlandweit unterwegs. Die Bilder in diesem Blog sind meine eigenen – aus Aufträgen und von unterwegs, mit den Aufnahmedaten darunter.

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