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Große Fotografen

Peter Lindbergh – Modefotografie ohne Maske

Er fotografierte die berühmtesten Gesichter der Welt in Schwarz-Weiß, ungeschminkt und unretuschiert. Und veränderte damit, wie Mode aussehen durfte.

Einstieg3 Min.·Vitali Skidan·

Peter Lindbergh (1944–2019) war ein deutscher Fotograf, der die Modefotografie in eine Richtung gedreht hat, die vorher niemand für verkäuflich hielt: weg von der perfekten Oberfläche, hin zum Menschen dahinter.

Für uns ist er weniger wegen der Modewelt interessant als wegen einer Haltung, die sich auf jedes Portrait übertragen lässt.

Was er anders machte

Schwarz-Weiß, als Mode praktisch ausschließlich in Farbe stattfand.

Wenig oder kein Make-up, wo aufwendige Inszenierung Standard war.

Kaum Retusche. Falten, Sommersprossen und Hautstruktur blieben stehen. Er hat sich mehrfach ausdrücklich gegen die digitale Glättung ausgesprochen, die in seiner Branche zur Norm wurde.

Verfügbares Licht und einfache Aufbauten, oft draußen, oft an unglamourösen Orten – Strände, Straßen, Industriekulissen.

Das Ergebnis waren Bilder, auf denen berühmte Gesichter erkennbar Menschen waren und keine Oberflächen.

Der Bruch, den es bedeutete

In der Modefotografie war die Aufgabe lange klar: Das Bild sollte ein Produkt verkaufen, und die abgebildete Person war Teil der Verpackung.

Lindberghs Arbeiten drehten die Gewichtung um. Bei ihm war zuerst die Person da und dann die Kleidung. Das war kommerziell riskant und wurde trotzdem erfolgreich – weil die Bilder anders wirkten als alles daneben.

Er hat diese Haltung auch benannt: Fotografie sollte Frauen nicht zu einem Ideal machen, sondern zeigen, wer sie sind. Aus heutiger Sicht klingt das selbstverständlich. Damals war es eine Position.

Was man daraus mitnimmt

Für alle, die Menschen fotografieren – beruflich oder nicht:

Retusche ist eine Entscheidung, keine Pflicht. Die Frage ist nicht, wie viel man wegnehmen kann, sondern was übrig bleiben soll. Eine Hautstruktur ist kein Fehler. Siehe Hautretusche.

Weniger Aufwand kann mehr Nähe erzeugen. Ein Aufbau mit acht Blitzen verändert die Situation für die fotografierte Person. Ein Fenster und ein Gespräch verändern sie weniger.

Schwarz-Weiß nimmt Ablenkung weg. Ohne Farbe rückt der Ausdruck nach vorne – das ist der Grund, warum so viele starke Portraits schwarz-weiß sind. Siehe Schwarz-Weiß-Fotografie.

Die Haltung entscheidet, nicht die Ausrüstung. Der Unterschied zwischen seinen Bildern und denen daneben lag nicht in der Technik.

Kurz gefasst Er hat bewiesen, dass ungeschönte Bilder kommerziell funktionieren können. Wer heute überlegt, wie viel Retusche ein Portrait verträgt, verhandelt eine Frage, die er gestellt hat.

Der Kalender von 1996

Ein Beispiel, an dem sich seine Arbeitsweise gut zeigt: Für den Pirelli-Kalender 1996 fotografierte er in Schwarz-Weiß und mit deutlich reduziertem Aufwand – in einem Format, das bis dahin für farbige, aufwendig inszenierte Bilder stand.

Er fotografierte diesen Kalender später noch mehrmals. Dass ein Auftraggeber aus dieser Ecke sich wiederholt für seine Handschrift entschied, sagt einiges darüber, wie tragfähig sie war.

Der Einwand, den man kennen sollte

Wer sich länger mit diesen Bildern beschäftigt, stößt auf einen Widerspruch, und es lohnt sich, ihn auszusprechen: Ungeschminkt ist auch eine Inszenierung.

Diese Bilder sind nicht dadurch entstanden, dass jemand weggelassen hat, was andere machen. Es wurde weiterhin ausgewählt – das Licht, der Ort, der Moment, der Ausdruck, das Bild aus hundert. Der Verzicht auf Make-up und Retusche ist selbst eine gestalterische Entscheidung, getroffen von jemandem, der genau wusste, wie das Ergebnis wirken würde.

Das entwertet die Haltung nicht. Aber es korrigiert einen Fehlschluss, der Anfängern teuer zu stehen kommt: Nichts zu tun ergibt kein Lindbergh-Bild, sondern ein beliebiges. Der Unterschied zwischen „ungeschönt" und „lieblos" ist die ganze Arbeit.

Wer das auf die eigenen Portraits überträgt, landet bei einer brauchbaren Frage: Was lasse ich weg – und was setze ich stattdessen ein? Wer die Retusche weglässt, muss beim Licht und beim Moment genauer werden. Das eine bezahlt das andere.

Für den eigenen Blick

Ein Vorschlag, wie man sich mit seinem Werk auseinandersetzt, statt es nur anzusehen:

Sucht euch zehn seiner Portraits und fragt bei jedem: Wo kommt das Licht her? Wie viel Aufwand steckt darin? Was ist im Hintergrund?

Ihr werdet feststellen, dass die Antworten fast immer bescheiden ausfallen – seitliches Tageslicht, ein einfacher Ort, wenig Deko. Und dass die Bilder trotzdem wirken.

Das ist die brauchbarste Lehre daraus: Der Unterschied zwischen einem belanglosen und einem starken Portrait liegt selten in dem, was man kaufen kann.

Vitali Skidan – Hochzeitsfotograf aus Bamberg

Seit über fünfzehn Jahren Hochzeiten und Reportagen in Franken, deutschlandweit unterwegs. Die Bilder in diesem Blog sind meine eigenen – aus Aufträgen und von unterwegs, mit den Aufnahmedaten darunter.

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