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Große Fotografen

Helmut Newton und die Provokation

Er machte Modefotografie, in der die Mode Nebensache war. Sein Werk ist technisch lehrreich und inhaltlich bis heute umstritten.

Einstieg3 Min.·Vitali Skidan·

Helmut Newton wurde 1920 als Helmut Neustädter in Berlin geboren. Er begann eine Lehre bei der Modefotografin Yva und musste 1938 als Jude aus Deutschland fliehen – über Singapur nach Australien, wo er später den Namen Newton annahm.

Ab den sechziger Jahren arbeitete er für die französische Vogue und andere Modezeitschriften. Er starb 2004 in Los Angeles bei einem Autounfall.

Was seine Bilder ausmacht

Sie erzählen eine Szene. Ein Modefoto von Newton zeigt selten ein Kleidungsstück. Es zeigt eine Situation, in der etwas geschehen ist oder gleich geschehen wird – in einem Hotelzimmer, einer Tiefgarage, einem Swimmingpool, einer Villa.

Harter Blitz, harte Schatten. Newton arbeitete oft mit direktem, hartem Licht, auch draußen. Das ist das Gegenteil dessen, was in der Portraitfotografie sonst empfohlen wird – und es erzeugt die kühle, klare, etwas unbarmherzige Wirkung, für die seine Bilder bekannt sind.

Schwarz-Weiß mit hohem Kontrast. Tiefes Schwarz, klares Weiß, wenig Mittelton.

Weitwinkel und Distanz. Viele Bilder sind mit kurzer Brennweite und aus einiger Entfernung aufgenommen. Man sieht den Raum, die Architektur, die Umgebung – die Person ist Teil einer Konstellation, nicht ihr Mittelpunkt.

Alles bewusst gebaut. Nichts an diesen Bildern ist zufällig. Newton arbeitete mit Skizzen, mit Vorbesichtigung des Ortes, mit genauen Anweisungen.

Der Streit über den Inhalt

Newtons Bilder werden seit den siebziger Jahren kritisiert, und die Kritik ist nicht erledigt.

Der Vorwurf: Seine Inszenierungen zeigen Frauen als Objekte, in Posen von Unterwerfung oder Bedrohung, oft in Zusammenhängen von Macht und Gewalt. Das sei nicht ironisch gebrochen, sondern reproduziere, was es zu zeigen vorgebe.

Die Gegenposition – die auch von Modellen und Kolleginnen vertreten wurde: Die Frauen in seinen Bildern seien nicht Opfer, sondern Handelnde; die Inszenierung kehre die üblichen Rollen um; die Kühle sei eine Form von Stärke.

Die Debatte hat in den letzten Jahren wieder an Schärfe gewonnen, und Ausstellungen ordnen sein Werk inzwischen häufiger ein, statt es nur zu zeigen.

Für die eigene Arbeit ist das aus einem Grund interessant: Ein Bild behauptet nicht nur etwas über sein Motiv, sondern auch über den Blick, aus dem es entstand. Diese zweite Ebene lässt sich nicht abschalten, indem man sie nicht beabsichtigt.

Was technisch zu lernen ist

Unabhängig von der inhaltlichen Bewertung ist Newtons Handwerk lehrreich:

Harte Schatten sind ein Mittel. Die verbreitete Regel „weiches Licht ist besser“ gilt für Gefälligkeit, nicht für Wirkung. Wer Kanten und Klarheit will, nimmt eine kleine Lichtquelle.

Der Ort erzählt mit. Newtons Hintergründe sind nie neutral. Ein Hotelflur, ein Parkhaus, eine Poolterrasse bringen eine Geschichte mit, bevor jemand etwas tut.

Die Kamera bleibt auf Distanz. Ein Portrait muss nicht nah sein. Aus zehn Metern mit Umgebung erzählt es etwas anderes als formatfüllend.

Vorbereitung schlägt Improvisation. Wer weiß, was er will, braucht keine zweihundert Aufnahmen.

Schwarz-Weiß trägt Härte besser. Was in Farbe grell wirkt, wird in Graustufen grafisch. Siehe Schwarz-Weiß umwandeln.

Die Sammlung in Berlin

Newton übergab kurz vor seinem Tod einen großen Teil seines Werks der Stadt Berlin. Seit 2004 gibt es dort die Helmut Newton Foundation im ehemaligen Landwehrkasino am Bahnhof Zoo – mit ständiger Ausstellung, seinem rekonstruierten Arbeitsraum und wechselnden Präsentationen.

Für alle, die sich mit Modefotografie befassen, ist das einer der wenigen Orte in Deutschland, an denen sich Originalabzüge dieser Größenordnung ansehen lassen.

Was man mitnehmen kann

Ein Bild braucht eine Idee, bevor es eine Technik braucht. Newtons Arbeiten funktionieren, weil vorher eine Situation gedacht wurde.

Regeln sind Ausgangspunkte. Weiches Licht, neutraler Hintergrund, nahe Portraits – das sind sichere Wege. Newton hat gezeigt, dass die interessanteren woanders liegen.

Und die unbequeme Seite gehört dazu: Wer mit Inszenierung arbeitet, sollte sich fragen, was die Inszenierung behauptet. Bei Modefotografie ist das keine akademische Frage – die Bilder werden gesehen und wirken.

Vitali Skidan – Hochzeitsfotograf aus Bamberg

Seit über fünfzehn Jahren Hochzeiten und Reportagen in Franken, deutschlandweit unterwegs. Die Bilder in diesem Blog sind meine eigenen – aus Aufträgen und von unterwegs, mit den Aufnahmedaten darunter.

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