Die Gradationskurve sieht aus wie eine Mathematikaufgabe und ist eine der einfachsten Vorstellungen der Bildbearbeitung – sobald man weiß, was die beiden Achsen bedeuten.
Was die Achsen sagen
Waagerecht: die Helligkeit, die im Bild steht. Links Schwarz, rechts Weiß.
Waagerecht der Tonwert vor der Bearbeitung, senkrecht danach. Die gerade Linie ist der unveränderte Zustand – wo die Kurve über ihr liegt, wird aufgehellt.
Senkrecht: die Helligkeit, die daraus wird. Unten Schwarz, oben Weiß.
Am Anfang ist die Kurve eine Diagonale von links unten nach rechts oben. Sie sagt: Jeder Wert bleibt, wie er ist.
Sobald ihr einen Punkt nach oben zieht, sagt ihr: Dieser Helligkeitsbereich soll heller werden. Nach unten: dunkler. Mehr steckt nicht dahinter.
Kurz gefasst Nach oben heißt heller, nach unten dunkler, und die Position von links nach rechts bestimmt, welcher Helligkeitsbereich gemeint ist. Das ist die vollständige Bedienungsanleitung.
Die drei Formen, die man braucht
Das S. Der Punkt in den Tiefen etwas nach unten, der in den Lichtern etwas nach oben. Dunkles wird dunkler, Helles heller – das ist Kontrast.
Waagerecht der Tonwert vor der Bearbeitung, senkrecht danach. Die gerade Linie ist der unveränderte Zustand – wo die Kurve über ihr liegt, wird aufgehellt.
Das ist der Griff, für den es auch einen Kontrastregler gibt. Der Unterschied: Mit der Kurve bestimmt ihr, wo der Kontrast zunimmt und wo nicht.
Das umgekehrte S. Tiefen hoch, Lichter runter. Weniger Kontrast, flacheres Bild. Nützlich bei hartem Licht.
Der angehobene Fußpunkt. Der linke Endpunkt der Kurve wird nach oben verschoben, sodass Schwarz nicht mehr schwarz ist, sondern dunkelgrau.
Das ergibt den matten, leicht verwaschenen Look, den man aus Filmemulsionen kennt – der „Faded Look“. Es ist einer der wenigen Effekte, für die es kein Äquivalent unter den normalen Reglern gibt.
Der wichtigste praktische Griff
Fast alle Programme haben in der Kurve ein Zielwerkzeug: Ihr klickt in das Bild und zieht die Maus nach oben oder unten. Das Programm findet selbst den Punkt in der Kurve, der zu dieser Bildstelle gehört, und verschiebt ihn.
Damit müsst ihr nie wieder raten, welcher Teil der Kurve zu welchem Bildteil gehört. In Lightroom und Camera Raw ist das der kleine Kreis mit dem Kreuz links oben in der Kurve.
Warum sie besser ist als die Schieberegler
Die Regler „Belichtung“, „Lichter“, „Tiefen“, „Weiß“ und „Schwarz“ sind im Grunde vorgefertigte Kurvenformen. Sie sind bequem und für die meisten Bilder ausreichend.
Die Kurve kann drei Dinge, die sie nicht können:
Genauer eingrenzen. Mit vier Punkten lässt sich ein schmaler Helligkeitsbereich anheben, ohne die Nachbarbereiche mitzunehmen. Die Regler wirken immer über einen breiten Bereich.
Den Fußpunkt setzen. Siehe oben.
Farben getrennt behandeln. Dazu unten mehr.
Kurven pro Farbkanal
In fast allen Programmen lässt sich die Kurve statt für RGB einzeln für Rot, Grün und Blau einstellen. Damit wird sie zum Werkzeug für Farbkorrektur und Farbgestaltung.
Die Zusammenhänge:
| Kanal | nach oben | nach unten |
|---|---|---|
| Rot | mehr Rot | mehr Cyan |
| Grün | mehr Grün | mehr Magenta |
| Blau | mehr Blau | mehr Gelb |
Daraus ergibt sich der klassische Farblook: Blaukanal in den Tiefen leicht anheben, in den Lichtern leicht senken. Das ergibt kühle Schatten und warme Lichter – das sogenannte Split Toning, mit einem einzigen Werkzeug.
Und der wichtigste diagnostische Griff: Ein Farbstich im Bild lässt sich hier punktgenau finden. Wenn die Schatten grünlich sind, senkt ihr den Grünkanal nur an seinem linken Ende.
Mehr zum Umgang mit Farbe unter Farbkorrektur.
Was man nicht tun sollte
Zu steile Abschnitte. Wo die Kurve fast senkrecht steht, werden viele Eingangswerte auf wenige Ausgangswerte abgebildet. Dort geht Zeichnung verloren, und in glatten Flächen wie Himmel entstehen sichtbare Stufen – Banding.
Enden über den Rand ziehen. Wer den rechten Endpunkt nach unten oder den linken nach oben zieht, ist im gestalterischen Bereich. Wer sie waagerecht nach innen zieht, schneidet Tonwerte ab: Alles rechts davon wird reines Weiß.
Viele Punkte. Drei bis fünf reichen für fast alles. Zehn Punkte ergeben eine Wellenlinie, die im Bild als Farbverwerfungen sichtbar wird.
Große Griffe an einem JPEG. Eine 8-Bit-Datei hat 256 Helligkeitsstufen. Wer darin stark verschiebt, sieht Stufen. In RAW mit 12 oder 14 Bit ist der Spielraum um ein Vielfaches größer – siehe RAW oder JPEG.
Wo sie überall steckt
Die Gradationskurve ist in jedem ernsthaften Programm dieselbe:
- Lightroom und Camera Raw – Modul „Tonwertkurve“, mit Punkt- und Bereichsansicht
- Darktable – Modul „Tonkurve“, daneben das mächtigere „RGB-Kurve“
- GIMP – Farben → Kurven
- Photoshop und Affinity – als Einstellungsebene
- Capture One – Register „Kurve“
Wer sie einmal verstanden hat, kann sie überall bedienen. Das ist der Grund, warum sich der Aufwand lohnt.
Übung
Nehmt ein flaues Bild – bedeckter Himmel, wenig Kontrast.
Erste Runde: Zieht am Kontrastregler, bis es euch gefällt. Merkt euch den Wert.
Zweite Runde: Setzt zurück und baut dieselbe Wirkung mit einem S in der Kurve. Dann zieht zusätzlich nur die Tiefen etwas an, ohne die Lichter zu verändern.
Der zweite Weg dauert länger und ergibt ein Bild, das der Regler nicht hinbekommt. Das ist der ganze Unterschied.

Seit über fünfzehn Jahren Hochzeiten und Reportagen in Franken, deutschlandweit unterwegs. Die Bilder in diesem Blog sind meine eigenen – aus Aufträgen und von unterwegs, mit den Aufnahmedaten darunter.
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